Bereits im August letzten Jahres waren auf dem Gelände der Gedenkstätte Sandarmoch Ausgrabungen vorgenommen worden. Veranlasst wurde dies durch die Gesellschaft für Militärgeschichte. Ziel war es, die These zu untermauern, dass sich dort – neben Opfern des politischen Terrors der 30er Jahre – auch die Überreste von Rotarmisten fänden, angebliche Opfer der finnischen Besatzung 1941-1944.

In diesem Jahr wurden wiederum Ausgrabungen in Sandarmoch durchgeführt, diesmal in unmittelbarer Nähe von Gedenkkreuzen. Den Anstoß dazu hatte der Kulturminister von Karelien gegeben – in einem Schreiben, das inzwischen bekannt wurde.

Es folgt die Stellungnahme von Memorial International zu diesen Vorfällen.

 

Zu Ausgrabungen der Russischen Gesellschaft für Militärgeschichte in Sandarmoch

Mitte August gelangte ein Brief an die Öffentlichkeit, den der amtierende Kulturminister der Republik Karelien Sergej Solovjev an die Russische Gesellschaft für Militärgeschichte gerichtet hatte. Dieses Schreiben war das Motiv für diese Organisation, Ausgrabungen auf dem Territorium des Gedenkfriedhofs für Opfer politischer Repressionen „Sandarmoch“ zu veranlassen.

Nicht erst dieser Brief enthüllt die wahren Gründe für diesen Akt des Vandalismus in Sandarmoch – diese waren leider schon vorher klar - , aber doch noch nicht so offen zutage getreten. Das karelische Kulturministerium hat die Gesellschaft für Militärgeschichte beauftragt, eine Bestätigung für die – vollkommen haltlose – Hypothese zu liefern, dass hier sowjetische Kriegsgefangene lägen, die von finnischen Militärs erschossen worden seien. Der politisch-propagandistische Charakter dieses Auftrags wird nicht einmal mehr verschleiert. Der amtierende Minister lebt in der abwegigen Vorstellung, dass „die Idee von Opfern politischer Repressionen, die im Waldstück ‚Sandarmoch’begraben sein sollen, von mehreren Ländern zu destruktiver Propaganda genutzt wird, um das Geschichtsbewusstsein zu beeinflussen“.

Die Art und Weise, in der dieses Vorhaben umgesetzt wird, wird der Intention des Auftraggebers gerecht. Es wurde nicht einmal versucht, die erforderlichen vorbereitenden Archiv-Recherchen durchzuführen, um die absurde Hypothese zweier Mitarbeiter der Petrosavodsker Universität auch nur halbwegs überzeugend zu begründen. Die „Wissenschaftsabteilung“ der Gesellschaft für Militärgeschichte entsandte umgehend einen Suchtrupp für die Ausgrabungen zum Friedhof. Sowohl im karelischen Kulturministerium als auch in der Gesellschaft für Militärgeschichte dürfte nicht unbekannt sein, dass die Recherche nach den Grabstätten der erschossenen Gefangenen des Lagers Belbaltlag, von Einwohnern Kareliens und von Häftlingen des Solowezkij-Gefängnisses anhand von NKVD-Dokumenten erfolgte, die Forscher von Memorial in den FSB-Archiven von Karelien sowie St. Petersburg gefunden hatten. Die in Sandarmoch im Jahre 1997 entdeckten Grabstätten bestätigten nur die Zeugnisse, die in diesen Dokumenten enthalten sind. Die Namen der 6.241 Personen, die 1937-1938 nahe bei Medvezhja Gora erschossen wurden, fanden sich ebenfalls in den NKVD-Archiven.

Aber welche Bedeutung soll das noch haben, wenn nach Auffassung von Herrn Solovjev, „die Spekulationen um das Geschehen in Sandarmoch dem internationalen Image Russlands schaden. Sie lassen im öffentlichen bürgerlichen Bewusstsein ein unbegründetes Schuldgefühl gegenüber angeblich repressierten ausländischen Staatsbürgern entstehen und ermöglichen es, unserem Staat gegenüber unbegründete Ansprüche zu erheben. Und darüber hinaus konsolidieren sie regierungsfeindliche Kräfte in Russland“?

Dem internationalen Ansehen Russlands schadet in erster Linie offenkundig das, was heute am Gedenkfriedhof „Sandarmoch“ geschieht, ebenso wie die Untätigkeit der lokalen Behörden, die vor einigen Jahren die staatliche Konzeption zur Bewahrung des Gedenkens an Opfer politischer Repressionen verabschiedet haben und jetzt diesem Vandalismus tatenlos zusehen.

Es dürfen keine Ausgrabungen auf einem Gedenkfriedhof vorgenommen werden, der offiziell als historische und kulturelle Gedenkstätte verzeichnet ist – sofern ihnen keine vorbereitenden historischen Archiv-Recherchen zugrunde liegen.

Um solche Recherchen durchzuführen, müssen Forscher umgehend freien Zugang zu allen staatlichen und amtlichen russischen und finnischen Archiven bekommen, die Unterlagen über die Massenerschießungen von 1937-1938 sowie über das Schicksal von Rotarmisten enthalten, die in finnischen Kriegsgefangenenagern auf dem finnisch besetzten Gebiet Kareliens von 1941-1944 einsaßen.

Moskau, 26. August 2019

 

 

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