Nach der Haussuchung, die letzte Woche im Büro von Memorial Perm sowie in der Privatwohnung des Vorsitzenden Robert Latypov durchgeführt worden und die mit der Beschlagnahmung etlicher Materialien, Computer usw. einhergegangen war, wurden gestern die beschlagnahmten Gegenstände wieder zurückgegegeben, Latypov wurde dabei als Zeuge vernommen. Das sei allerdings kein Sieg, betonte Pavel Tschikov (Agora), der Memorial Perm als Anwalt vertritt: „Für heute gibt es keine Anklage, aber das Verfahren wurde nicht eingestellt, es kann sich unterschiedlich entwickeln.“

Dies sollte sich bereits am folgenden Tag zeigen. Am heutigen 9. November (Samstag), als Latypov kurzzeitig ins Büro gekommen war, drangen zwei junge Männer ins Büro ein - ein Aufnahmeteam von REN-TV mit Kamera und Mikrophon. Sie forderten Latypov auf, Fälle angeblicher „Pädophilie“ unter Freiwilligen zu kommentieren. Latypov lehnte jeglichen Kommentar ab. Kurz darauf verließen die beiden nolens volens das Büro, verblieben jedoch auf dem Korridor davor (der ebenfalls zu Memorial gehört). Latypov verständigte die Polizei, ein Polizist ermahnte ihn jedoch, die „Journalisten“ bei ihrer „professionellen“ Tätigkeit nicht zu behindern.

Latypov konnte das Büro nur dank einer Reihe von Unterstützern – Freiwilligen, Aktivisten, Journalisten – , die auf einen Appell von Nadezhda Agischeva, einer Abgeordneten im Permer Stadtparlament, herbeigeeilt waren und die ihn zum Auto begleiteten, ungehindert verlassen. Die beiden REN-TV-Mitarbeiter zogen dann ebenfalls ab.

 „Das ist ein weiterer ungeheuerlicher Versuch, unseren Ruf zu schädigen. Im ganzen Land ist eine Welle von Drangsalierungen gegen alle unabhängigen Nichtregierungsorganisationen angelaufen. Die Aufgabe ist hierbei ganz eindeutig – es sind ausgesprochene politische Repressionen, die sich gegen unsere Organisation richten“, erklärte Robert Latypov.

Wie Latypov „Meduza“ mitteilte, wurde ihm beim Verhör am Vortag ein Blatt Papier vorgelegt, das die Aufschrift „Freiwilligen-Eid“ trägt und das Versprechen enthält, „ein kleines gutes Mädchen zu bleiben“. Offenbar stammt das Papier aus den 2000er Jahren, es handelt sich um eine Art scherzhaften Gelübdes, das damals in einem der gemeinsamen Freiwilligen-Lagern verfasst und jetzt bei der Haussuchung gefunden wurde.

In Ermangelung belastender Materialien wurde möglicherweise versucht, hieraus „Pädophilie“ zu konstruieren. Die Frage, wie Journalisten von REN-TV davon Kenntnis erhielten, ist jedoch ein eigenes Thema.

9. November 2019

 

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