Ljudmila Ulizkaja setzt sich schon lange aktiv und öffentlich für Jurij Dmitriev ein. Im nachstehenden Interview mit Jevgenija Tschirikova äußert sie sich zum Schicksal Dmitrievs, zurTaktik der Verteidigung eines Menschen, der wegen eines der schmutzigsten Paragraphen des Strafgesetzbuches angeklagt wird, und dazu, dass es keine Möglichkeit gibt, die eigene Unschuld öffentlich zu beweisen.

Der Prozess gegen Dmitriev dauert an. Der nächste Verhandlungstermin soll am 3. Juni stattfinden (nachdem der Termin mehrere Male wegen der Covid-19-Pandemie abgeetzt worden war).

 

 

Sie sind nach Petrozavodsk zur Gerichtsverhandlung im Verfahren Dmitriev gefahren. Was macht diesen Menschen für Sie so bedeutsam?

 

In meinen Augen ist Jurij Dmitriev ein wahrer Held unserer Zeit. Er hat die edle und sehr schwere Aufgabe auf sich genommen, die Erinnerung an die Menschen wieder herzustellen, die während der Zeit der Repressionen um ihr Leben gekommen sind. Unter den Menschen, deren posthumes Schicksal Jurij Dmitriev tief bewegt, sind auch namenlose Soldaten, die während des Krieges zu Tode kamen. Das zeigt meiner Meinung nach, dass eine politische Motivation für ihn nicht von Bedeutung war. Das wichtigste ist, dass er ein Gedenkbuch der Umgekommenen und Namenlosen zusammengestellt, viele Namen herausgefunden und die sterblichen Überreste [dieser Menschen] bestattet hat. Das ist eine christliche Heldentat, zu der in unserer Zeit kaum jemand fähig ist.

 

Vor einigen Tagen erschien eine Petition mit der Forderung, den Historiker Jurij Dmitriev in Zusammenhang mit den Gefahren der Pandemie aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Innerhalb von drei Tagen kamen mehr als 7500 Unterschriften zusammen. Wie ist Ihre Haltung zu dieser Initiative, besteht eine Chance auf Freilassung des Historikers?

 

Diejenigen, die diese Anstrengungen zur Befreiung Dmitrievs unternehmen, hoffen genau darauf. Wollen auch wir hoffen, dass sie gelingt. Aber ich muss hinzufügen, dass eine humanere und aufgeklärtere Regierung unter den heutigen Bedingungen der Corona-Epidemie einen großen Teil der Inhaftieren, deren Straftaten weder mit Gewalt noch mit Terrorismus in Zusammenhang stehen, in den Hausarrest entlassen hätte. Der Tod wegen des Virus droht nicht nur Dmitriev, sondern auch jenen 602 000 Menschen, die sich derzeit in Gefängnissen und Lagern befinden.

 

Warum glauben Sie, gelang es damals, Jurij Dmitriev, aus dem Gefängnis freizubekommen [gemeint ist das Urteil vom 5. April 2018]? Was hat da konkret geholfen?

 

Ich denke, dass einer der Vorgesetzten (um politisch korrekt zu bleiben, verwende ich kein anderes Wort, dass besser passen würde) die Nerven verloren hat und sie ihn unter dem Druck der öffentlichen Meinung freiließen. Und sie unternahmen alle Anstrengungen, um ihn wieder hinter Gitter zu bringen, indem sie den einzigen Verstoß gegen die ihm vorgeschriebenen Auflagen nutzten: Er hatte sich von zu Hause entfernt, um auf den Friedhof und ins Kloster zu gehen.

 

Was würden Sie den Menschen sagen, die der Meinung sind, dass „diese Petitionen von Ihnen nichts nutzen“, „alles sinnlos“ und „von oben schon alles entschieden ist“?

 

Alle diese Petitionen zielen genau darauf, dass die Vorgesetzten ihre Entscheidung ändern. Ich denke, die Kampagnen zur Freilassung Dmitrievs dürfen nicht nachlassen.

 

Was denken Sie, weswegen fürchten die Machthaber Dmitriev so, dass sie sogar jetzt, während der Pandemie Angst haben, einen bejahrten Menschen aus dem Untersuchungsgefängnis zu entlassen, obwohl offensichtlich ist, dass er keinerlei Gefahr für die Gesellschaft darstellt und man seine Schuld in drei Jahren nicht beweisen konnte?

 

Ich glaube nicht, dass sie Dmitriev fürchten. Da ist eher ein anderer Mechanismus am Werk: Die Behörden fürchten es, wenn man ihre Handlungen nicht billigt und umso mehr, wenn man sich über sie empört. So lächerlich das auch sein mag, sie wollen, dass man sie „liebt“, will sagen, sich widerspruchslos unterordnet. Diese zweite Inhaftierung, das ist eine Lehrstunde für uns: Schweigt still Bürger, und dann wird alles gut werden.

 

Wie handelt man unter den Bedingungen eines nicht-öffentlichen Strafprozesses? Wenn die Anschuldigungen höchst schmutzig sind, es aber unmöglich ist, seinen ehrlichen Namen öffentlich zu rechtfertigen? (Jurij Dmitriev wird unter anderem beschuldigt, „unsittliche Handlungen“ gegen seine minderjährige Adoptivtochter begangen zu haben, dabei machte man das Verfahren zu einem nicht-öffentlichen unter dem Vorwand, die Interessen des Kindes schützen zu wollen. Red. activatica)

 

Man fordert einen öffentlichen Prozess. Das ist im Interesse Dmitrievs und im Interesse seiner Adoptivtochter Natascha. Sie wird gewissenlos manipuliert, indem man die tatsächlich schmutzigsten Vorgehensweisen anwendet.

 

In Ihrem Roman „Jakobsleiter“ gerät die Hauptfigur – ein kluger und vielseitig gebildeter Mann – während der Stalinzeit dreimal ins Gefängnis. Der Roman ist so geschrieben, dass man mit dem Held tief mitfühlt und die Verheerung und Machtlosigkeit spürt, wenn ein vollkommen Unschuldiger ein weiteres Mal vom System durchgekaut wird. Sehen Sie Analogien zum Schicksal Dmitrievs? Und gibt es einen Unterschied zwischen dem Albtraum unserer Zeit und der stalinschen Willkür?

 

Wenn man eine Analogie suchen will, dann besteht die am ehesten darin, dass den heutigen Machthabern der Stalinismus als Idee der „starken Hand“ gefällt. Es gibt im russischen Leben viel, was sich verändert, aber auch Dinge, die unveränderlich sind: Eine geheime Polizei, die wie früher eng mit der Regierung verbunden ist, die ganze Geschichte unseres Landes der Sowjetperiode, die eine Geschichte „zweier Königreiche“ ist, in dem zwei Mächte heimlich miteinander um die oberste Macht kämpfen. Diese beiden Mächte waren die Kommunistische Partei und die Geheimpolizei.

Zwischen den Zeiten des Stalinismus und des Putinismus gibt es einen ganz wesentlichen Unterschied: Die heutigen Machthaber sind gierig und amoralisch und Ideologie interessiert sie nicht besonders. Man kann sogar sagen, dass sie keinerlei „Klammern“ finden können, außer dem Sieg im Großen Vaterländischen Krieg. Die mächtige Idee Chruschtschows vom „Einholen und Überholen“ ist komplett gescheitert. Das Paradoxe besteht darin, dass ausgerechnet Dmitriev über jene moralische Eigenschaften verfügt, die die Machthaber so aufregen. Diese moralische Überlegenheit und sein unabhängiger und starker Charakter reizen die örtlichen Behörden ungeheuer, die alles mögliche unternommen haben, um seinen Fall aufzublasen und einen falsche Anklage gegen Dmitriev wegen Pädophilie anzuleiern. Die unwahre Anschuldigung sollte, nach dem Plan ihrer Urheber, Dmitriev die Sympathie und Unterstützung jener naiven Menschen entziehen, die in den Massenmedien einträchtig diese schamlosen Verleumdungen Jurij Aleksejevitsch Dmitrievs, eines ehrlichen und verdienten Menschen, hören.

 

Mai 2020

 

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