Am 14. Oktober 2021 hatte Memorial zu einer öffentlichen Veranstaltung eingeladen. Um 19 Uhr Ortszeit begann die Vorführung von „Mr. Jones“, einem Film der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland aus dem Jahr 2019. In dem Film geht es um den Holodomor, die künstlich erzeugte Hungersnot zur Durchsetzung der Kollektivierung der Landwirtschaft zu Beginn der 1930-er Jahre in der Ukraine – berichtet aus der Perspektive eines britischen Journalisten, der damals die Sowjetunion bereiste. Im Anschluss an den Film sollte es ein Gespräch mit Pjotr Skweczinski vom Polnischen Kultur-Zentrum geben. Die Veranstaltung hatte Memorial mit dem Außenministerium der Russischen Föderation abgestimmt und von den russischen Behörden genehmigt bekommen.

20 Minuten nach Beginn der Filmvorführung stürmten mehrere Dutzend junge Leute maskiert in den Saal. Wie „Kommersant“ berichtet, riefen sie „Auf den Boden!“, postierten sich dann auf der Bühne vor der Leinwand und riefen „Nieder mit dem Faschismus“, „Schande der Heimat“, „Wir vergessen nicht, wie vergeben nicht“. Ihr Anführer rief „Zerstört nicht die Geschichte unseres Landes“ und forderte die Anwesenden auf „Haut ab von hier in den Westen“. Irina Ostrowskaja von Memorial berichtet, die Störer hätten nicht gesagt, wer sie seien und was sie wollten. Die Aktion wurde von einem Team des Fernsehsenders NTV gefilmt, der immer wieder sehr negativ über Memorial berichtet. Ein NTV-Team war auch bereits bei anderen Angriffen auf Memorial „zufällig“ zugegen.  

Memorial rief die Polizei, deren Wache sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet. Sie traf aber erst ein, als die meisten Störer den Saal bereits wieder verlassen hatten. Besuchern gelang es, drei von ihnen festzuhalten und der Polizei zu übergeben. Mit der Polizei waren außerdem Mitglieder der Nationalgarde und einer Spezialeinheit zur Bekämpfung des Extremismus gekommen. 

Wie Irina Scherbakowa von Memorial berichtet, vernahm die Polizei statt der festgehaltenen Störer die Mitarbeiter von Memorial. Die Besucher mussten Fragebögen ausfüllen, warum sie an der Veranstaltung teilnähmen, wie sie von ihr erfahren hätten, ob sie vorbestraft seien etc. Die Sicherheitskräfte wollten die Räume von Memorial durchsuchen, was Memorial aber verhindern konnte. Allerdings beschlagnahmten sie einen Computer, der die Überwachungsanlage und die Feuermeldeanlage steuert (obwohl Memorialmitarbeiter die Aufnahmen der Kamera bereits für die Polizei auf einem Datenträger gespeichert hatte). Die Rechtsanwälte von Memorial wurden von den Sicherheitskräften erst nach mehreren Stunden eingelassen. Erst weit nach Mitternacht, etwa sechs Stunden nach Eintreffen der Polizei, durften die Memorialmitarbeiter nach Hause gehen. Das sieht nach einer geplanten Attacke gegen uns aus, um uns zu verjagen, gedeckt von den Autoritäten“, sagte Scherbakowa. 

Als Mitglied von Memorial International stehen wir an der Seite unserer Schwesterorganisation und erklären uns mit Memorial in Moskau solidarisch. Wir verurteilen jegliche Aktionen zur Beeinträchtigung der Arbeit von Memorial und zur Einschüchterung seiner Mitarbeiter, Besucher und Freunde. Wir fordern, solche Aktionen zu unterlassen, die Vorfälle unabhängig und vollständig aufzuklären und die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen.

Berlin, 15. Oktober 2021

Der Vorstand von Memorial Deutschland

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