1. Projekt zum Gedenken an Carola Neher

 

Münchner Straßenbenennung - Ausstellung - Publikation - Anbringen einer Gedenktafel in Moskau


1. Carola Neher. Ein prominentes Verfolgungsschicksal des 20. Jahrhunderts



Die in München geborene Carola Neher gehörte zu den bekanntesten Schauspielerinnen der Weimarer Zeit. Nach frühen Engagements in Baden-Baden und an den Münchner Kammerspielen machte sie zunächst in Breslau, später, vorübergehend, in Wien und Berlin Karriere. Als Ehefrau des erfolgreichen, aber todkranken Autors Klabund, der ihren Charme in Gedichten feierte und ihr Bühnenstücke auf den Leib schrieb, sorgte sie ebenso für Aufsehen wie als Inspirationsfigur Bertolt Brechts, der ihre Schauspielkunst schätzte und sie in wichtigen Inszenierungen besetzte. Carola Nehers Verkörperung der Polly in der „Dreigroschenoper“ wurde zu einem der größten Theatererfolge der Weimarer Zeit.

 

Als sie nach Klabunds frühem Tod zu Beginn der 30er Jahre eine Liaison mit Herrmann Scherchen, einem mit dem Marxismus sympathisierenden Komponisten einging und gemeinsam mit ihm einen Russisch-Kurs besuchte, verliebte sie sich in ihren Russischlehrer Anatol Becker, einen aus Bessarabien stammenden Ingenieur und begeisterten Anhänger der Sowjetunion. Gemeinsam mit ihm emigrierte sie zur Zeit des Nationalsozialismus in die UdSSR, wo sie ihren Sohn Georg zur Welt brachte.

 

Im vermeintlichen „Vaterland des Sozialismus“ erwiesen sich jedoch alle Hoffnungen auf künstlerische Entwicklungsmöglichkeiten als Illusion: sie erfuhr die Moskauer Wohnungsnot und musste unter erbärmlichen Umständen leben, Karrierechancen blieben nahezu vollständig aus. Schon 1936, ein Jahr vor Beginn des Großen Terrors, gerieten sowohl ihr Mann Anatol Becker als auch sie in den Sog der Stalinschen Säuberungen. Anatol Becker wurde nach kurzer Haftzeit erschossen, sie selbst 1937 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt, ihr Sohn Georg in ein Waisenhaus eingewiesen. Carola Neher starb am 26.6.1942 im Lager Sol Ilezk.

2.  Münchner Straßenbenennung und Ausstellung im Deutschen Theatermuseum

 

Da zuvor in ihrer Heimatstadt München keine öffentliche Stätte an Carola Neher erinnerte, beantragte ich 2010 im Rahmen von MEMORIAL Deutschland die Benennung einer Münchner Straße nach Carola Neher. Diese Initiative wurde dankenswerterweise von Anfang an vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München, Herrn Schwarz, sowie vom Verein Gegen Vergessen, Frau Ilse Macek,  unterstützt. Am Freitag, den 15.11.2013 wurde die Carola-Neher-Straße im Münchner Bezirk Obersendling feierlich eingeweiht.

 

Als sich die Chance auf Bewilligung der Straßenbenennungsinitiative abzuzeichnen begann, regte ich an, eine Ausstellung über Carola Neher im Deutschen Theatermuseum in München zu realisieren. Dankenswerterweise griff Frau Dr. Blank, die Leiterin des Museums, diese Anregung auf, sodass am Tage der Straßenbenennung auch die Ausstellung „Carola Neher. Wir Schauspieler sind erst auf der Bühne in unserem Element. Wir stolpern nur im Leben“ im Deutschen Theatermuseum eröffnen konnte, die –  u.a. mit Material aus der Sammlung von Herrn Georg Becker, dem Sohn Carola Nehers -  von Herrn Micha Neher, ihrem Neffen und Frau Petra Kraus vom Deutschen Theatermuseum kuratiert wurde.

 

Begleitend zu dieser Ausstellung realisierte MEMORIAL Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Münchner Kulturreferat und „Gegen Vergessen – für Demokratie“ ein breites Programm. Reinhard Müller, namhafter Stalinismusforscher, hielt einen Vortrag im Münchner Literaturhaus, die Otto-Falckenberg-Schauspielschule inszenierte mit Schauspielschülern das Carola Neher gewidmete Schauspiel: „Bleiche Mutter, zarte Schwester“ von Jorge Semprún und das Münchner Filmmuseum präsentierte den Film „Die Dreigroschenoper“ in einer Sondervorführung. Im Deutschen Theatermuseum lasen die Schauspieler Caroline Ebner, Hildegard Schmahl, René Dumont und Steven Scharf gemeinsam mit der Moderatorin Julia Cortis (BR) die (bereits 2010 im Münchner Gasteig erstmals präsentierte) szenische Lesung für fünf Stimmen „Flieg zum Flammengott der Schmerzen“.

3. Der MEMORIAL Sammelband „Carola Neher. Gefeiert auf der Bühne, gestorben im Gulag.
Kontexte eines Jahrhundertschicksals“

 

Die Entscheidung des Projektleiters des Berliner Literaturhauses, Herrn Lutz Dittrich, die Münchner Ausstellung in Berlin im Herbst 2016 (Eröffnung am 28.10.2016) zu zeigen, eröffnete nicht nur die Aussicht, die wunderschöne, sehenswerte Ausstellung auch in der Stadt von Carola Nehers größten Erfolgen präsentieren zu können, sondern zugleich die Chance, einen von MEMORIAL gemeinsam mit dem Stalinismusforscher Reinhard Müller geplanten Aufsatzband über Carola Neher veröffentlichen zu können.

 

Dabei setzten sich die Herausgeber das Ziel, in dem Band Beiträge von Autoren unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen zu vereinen und sich somit dem vielschichtigen Schicksal Carola Nehers multiperspektivisch zu nähern, die Bedeutung ihres Wirkens und die Zusammenhänge ihres Verfolgungsschicksals im (kultur)geschichtlichen Kontext dieser Zeit herauszuarbeiten, sowie relevante Fragestellungen, die ihr Schicksal aufwirft, zu diskutieren. Anders als in bereits vorliegenden Biographien über Carola Neher liegt damit der Schwerpunkt dieser Publikation auf der Zeit von Carola Nehers bislang wenig erforschtem Schicksal im sowjetischen Exil. Dankenswerterweise ermöglichte es die Stiftung Aufarbeitung durch eine Projektförderung, dieses Vorhaben zu realisieren.

 

Den Herausgebern gelang es, für dieses Vorhaben namhafte deutsche und russische Wissenschaftler zu gewinnen. Prof. Völker würdigt einleitend in einem großen, kenntnisreichen Aufsatz Carola Nehers Leistung als Schauspielerin von ihren Münchner Anfängen bis zur Exilzeit. Er analysiert ihre künstlerische Entwicklung, wobei er zugleich einen Einblick in die Kreise der Künstler vermittelt, die mit Carola Neher zusammenarbeiteten wie auch in die in der Weimarer Zeit tonangebenden Stoffe. Die Autorin Karin Wieland beschreibt anschließend die „Liebe ohne Heimat“ der Künstlerbeziehung und – Ehe zwischen dem Schriftsteller Alfred Henschke, der sich Klabund nannte, und Carola Neher.


Der russische Autor Valerij Zolotukhin informiert über die faszinierende Phase des sowjetischen Avantgardetheaters bis zum Krisenjahr 1926,- dem Jahr, in dem Walter Benjamin bei einem Besuch der lettischen Bühnenkünstlerin Asja Lacis in der sowjetischen Hauptstadt, sein „Moskauer Tagebuch“ verfasste und die Zeit der Repression bereits ihre ersten Schatten vorauswarf. Er gibt damit einen Überblick über die Bühnenkunst der sowjetischen Moderne, die zur Zeit von Carola Nehers Eintreffen in der Sowjetunion bereits zurückgedrängt worden war.


Wladimir Koljasin beschreibt die spätere Phase der Massenrepressionen, die Zeit des Großen Terrors, dem Carola Neher, wie viele andere deutsche Politemigranten, zum Opfer fiel: Er analysiert den Prozess der Unterjochung sowjetischer Künstler unter das Diktat des totalitären Staats und schildert eingehend die erschütternden Verfolgungsschicksale der bedeutenden Künstlerpersönlichkeiten Sergej Tretjakow und Wsewolod Meyerhold.

 

In einem großen, quellengesättigten Aufsatz schildert Anne Hartmann die ganze Spannbreite, wie deutsche Emigranten, zu denen auch Carola Neher zählte, das Exil in der Sowjetunion erfahren konnten, und treffend bezeichnet Christoph Hesse Carola Neher in seinem Aufsatz als „Die Unsichtbare“ im deutsch-sowjetischen Filmexil: er stellt die wenigen Filmproduktionen deutscher Emigranten im vor, die in dieser Zeit, nicht selten unter widrigsten Umständen entstanden.

 

„Zeugin der letzten Wegstrecke“ Carola Nehers durch die Lager des Gulag war ihre Mitgefangene Hilda Dutý, mit der der Theaterwissenschaftler Dr. Diezel nach deren Rückkehr in die DDR ein langes Gespräch, welches in unserem Band in voller Länge und neu kommentiert widergegeben wird. Ebenso publizieren wir erstmals in deutscher Sprache die von Peter Diezel in der Moskauer Lenin-Bibliothek kopierten, bislang nur auf Russisch in der UdSSR veröffentlichten Aufsätze Carola Nehers in der Zeitschrift „Ogonjok“ aus den Jahren 1935-36.

 

Doch selbst mit dieser groß aufgemachten Reihe über „Deutsche Theaterkünstler im Exil“ (so der Titel der Aufsatzreihe) mit Aufsätzen Carola Nehers über Max Pallenberg, Albert Bassermann, Erwin Piscator, Ernst Busch, Alexander Granach und Max Reinhardt sowie einem abschließenden Aufsatz von Alexander Granach über Carola Neher konnte ihr erschütterndes Verfolgungsschicksal nicht abgewendet werden. Reinhard Müller gibt Einblick in die Zeit ihrer Haftjahre und veröffentlicht erstmals bislang unbekanntes Aktenmaterial aus dem Verfahren gegen Carola Neher und gegen Zenzl Mühsam, die eine Zeit lang ihre Zellengefährtin im Moskauer Butyrka-Gefängnis war.


Er analysiert darüber hinaus eingehend die passive Position, die Bertolt Brecht öffentlich gegenüber den Moskauer Schauprozessen einnahm, wobei er sich nicht mit Vermutungen zufrieden gibt, sondern nachverfolgt, welche Informationen und Quellen Brecht zugänglich waren und wie er sich über die Thematik im Meinungsstreit mit anderen Intellektuellen, im freundschaftlichen Austausch und im nicht selten widersprüchlichen Selbstgespräch auseinandersetzte.


Abschließend schreibt Irina Scherbakowa, die Georg Becker bei seiner ersten Reise zurück in die Sowjetunion begleitete, über das Schicksal der Kinder der vom Stalinismus Verfolgten.

 

4. MEMORIAL- Tagung im Literaturhaus

Am 5.11.2016 stellen die vier der Autoren, Klaus Völker, Anne Hartmann, Reinhard Müller und Irina Scherbakowa ihre Aufsätze auf einer Tagung im Berliner Literturhaus vor. (Beginn der Tagung 14.00 Uhr, Ende 18.00 Uhr).

5. Eine Gedenktafel für Carola Neher in Moskau im Rahmen der Initiative
„Die letzte Adresse“, MEMORIAL Moskau

 

Auf Initiative von Irina Scherbakowa (MEMORIAL Moskau) wird im Laufe des Jahres 2016 an „der letzten Adresse“ Carola Nehers in Moskau eine Gedenktafel angebracht werden.

 

Ansprechpartnerin: Bettina Nir-Vered (info@memorial.de)

2. Ausstellung "Von Potsdam nach Workuta" zum ehemaligen KGB-Gefängnis Potsdam

ehemaliges KGB-Gefängnis Potsdam
“Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstr. Potsdam“ – ehemaliges Untersuchungsgefängnis der sowjetischen Militär-Spionage-Abwehr.

Nach der Potsdamer Konferenz, die vom 17. Juli bis 2. August 1945 im nahe gelegenen Schloss Cecilienhof stattfand, wurde dieses Haus ebenso wie das ganze am Neuen Garten liegende Wohngebiet Potsdams von der sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und das "Militärstädtchen Nr.7" errichtet. Die sowjetische Geheimpolizei (NKWD/MGB/KGB) benutzte das als Pfarrhaus, Sitz der Evangelischen Frauenhilfe und Gemeindezentrum 1916 vom Evangelisch-Kirchlichen Hilfsverein (EKH) erbaute Gebäude, als Untersuchungsgefängnis sowohl der Spionageabwehr als auch als Ort von Sowjetischen Militärtribunalen, die in der Nachkriegszeit Todesurteile und lange Lagerstrafen verhängten.

Bis 1953 wurden hier zahlreiche Deutsche und Bürger der Sowjetunion gefangen gehalten, in Verhören gequält und zu Geständnissen gezwungen, zu langjährigen Lagerhaftstrafen verurteilt und in die Sowjetunion, überwiegend nach Sibirien/Workuta, deportiert. Dies betraf auch weibliche und männliche Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren, denen "Werwolftätigkeit", Gruppenbildung, antisowjetische Agitation und ähnliches unterstellt wurde.

Nach Gründung der DDR und fester Installation der Stasi wurden hier (seit 1953) nur noch sowjetische Bürger, vor allem Angehörige der Roten Armee, inhaftiert und abgeurteilt.

Das Haus blieb bis 1994 - dem Abzug der sowjetischen Truppen - Untersuchungsgefängnis des Geheimdienstes. Es wurde dem EKH zurückgegeben und von 1997 bis einschließlich 2006 ehrenamtlich als Gedenk- und Begegnungsstätte betreut. Mitglieder von MEMORIAL Deutschland e.V., amnesty international und der Förderverein (www.kgb-gefaengnis.de) hielten hier Arbeitssitzungen und Veranstaltungen ab und führten durch das Haus.

MEMORIAL Deutschland e.V. setzte sich nachdrücklich für den Erhalt des Hauses in seinem authentischen Zustand ein und sorgte für die Dokumentation, Archivierung und Publizierung von Erinnerungen und Schicksalen ehemaliger Häftlinge des Hauses.
Seine Pflege und sein Erhalt hat besondere Bedeutung, weil es das einzige original erhaltene sowjetische Untersuchungsgefängnis nicht nur Deutschlands, sondern vermutlich des mittelosteuropäischen Raumes ist und damit ein einzigartiges Zeugnis des totalitären sowjetischen Systems und der Geschichte Deutschlands und Europas nach 1945 darstellt.

Diesem Ziel dient die im Jahr 2000 von MEMORIAL Deutschland erstellte Ausstellung "Von Potsdam nach Workuta". Sie steht als Webportal unter www.von-potsdam-nach-workuta.de zur Verfügung und ergänzt u.a. auch durch die Biografien ehemaliger Häftlinge den bedrückenden Eindruck, den das ganze Haus vermittelt. Die Haftbedingungen in sowjetischen Untersuchungsgefängnissen sind durch original erhaltene Zellen in zwei Stockwerken, Pritschen, Stehkarzer usw. in einzigartiger Weise erfahrbar.

Die Sicherungs- und Sanierungsarbeiten am ehemaligen KGB-Gefängnis Potsdam Leistikowstraße 1 sind seit Mai 2008 abgeschlossen, ein zusätzlicher Neubau ergänzt als Besucherzentrum und Verwaltungsgebäude die seit dem 5. Dezember 2008 unter dem Dach der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten institutionalisierte Gedenk- und Begegnungsstätte. Für Interessierte fand eine Werkstattwoche zu Fragen der neuen Ausstellung  vom 14.-20.05.2011 statt. Die neue Dauerausstellung ist am 18. April 2012 offiziell eröffnet worden.

Veröffentlichungen von MEMORIAL Deutschland e.V. zum Ehemaligen KGB-Gefängnis Potsdam und weitere Erinnerungen ehemaliger Häftlinge des KGB-Gefängnisses finden Sie unter Medien/Bücher.

Anprechpartner:
Gisela Kurze: gisela.kurze@memorial.de
 

 

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3. CD-Rom und Internetportal über das sowjetische Lagersystem (GULAG)

 

Die Web-Site www.gulag.memorial.de und die CD-ROM "GULAG - Das System der Zwangsarbeitslager in der Sowjetunion" ermöglichen Einblicke in Organisation und Lebenswelten des GULAG sowie in Aspekte der politischen Verfolgung in der SBZ/DDR.

Anhand von drei inhaltlichen Schwerpunkten - Lager, Biographien und Literatur - wird das System der sowjetischen Zwangsarbeitslager thematisch aufgefächert.

Visueller Ausgangspunkt des Internet-Projekts ist die administrative Karte der ehemaligen Sowjetunion, auf der bedeutende Lagerverwaltungen verzeichnet sind. Dadurch ist eine geographische Ortung der vorgestellten Lagerverwaltungen möglich, die durch eine alphabetische Listung ergänzt wird.

Lager: Über 500 Lagereinträge verdeutlichen die Dimension des sowjetischen Repressionsapparats. Die meisten Lagereinträge beginnen mit einem einleitenden Kurztext zu Entstehungszeit, Insassenzahlen und Wirtschaftstätigkeit der ausgewählten Lagerverwaltung. Ferner wird eine Liste mit Verlinkungen zu Biographien von früheren Häftlingen aufgeführt, die in diesem Lager inhaftiert waren. Jeder Lagereintrag enthält außerdem noch Detailangaben zu Führungspersonal, Häftlingszahlen, Wirtschaftsausrichtung etc. Fotografien und Dokumente ergänzen diese Angaben. Eine Volltextsuche erleichtert eine Recherche nach gezielten Informationen.

Biographien: Mehr als 250 Biographien vervollständigen das Bild der politischen Verfolgung in der ehemaligen Sowjetunion. Wichtige Lebensdaten werden in Form von tabellarischen Lebensläufen zusammengefasst. Ausgewählte Zitate aus Briefen und Memoiren sowie zahlreiche Abbildungen dokumentieren Lagererlebnisse und ihre Auswirkungen auf jeden einzelnen Porträtierten. Sowohl Biographien deutscher Politemigranten als auch von Angehörigen verfolgter Minderheiten oder von bekannten sowjetischen Schriftstellern und Intellektuellen wurden in dieses Projekt aufgenommen. Schicksale von Oppositionellen aus dem Nachkriegsdeutschland zeigen, wie sich die politische Unterdrückung in der SBZ/DDR fortsetzte.

Die Biographien wurden mit Hilfe von Unterlagen des Archivs und des Museums der Internationalen Gesellschaft MEMORIAL sowie von biographischen Zeugnissen aus einem anderen Projekt von MEMORIAL Deutschland - dem Potsdamer KGB-Gefängnis in der Leistikowstr. - erstellt. Für weitere Biographien zeichneten Herr Prof. Jenkner und Frau Dr. Ammer verantwortlich.

Literatur: Diese Rubrik beinhaltet Aufsätze, die die Entwicklung und Organisation des sowjetischen Lagersystems bzw. Einzelaspekte des Lagerlebens beschreiben. Hier sind insbesondere die erste autorisierte deutsche Übersetzung der wissenschaftlichen Aufsätze aus dem Handbuch "System der Besserungsarbeitslager in der UdSSR" sowie die zweite aktualisierte Auflage der Bibliographie von Siegfried Jenkner "Erinnerungen politischer Häftlinge an den GULAG" zu nennen. Beide Publikationen wurden speziell für dieses Projekt erstellt und stehen auch nur im elektronischen Format zur Verfügung. Ferner werden Studien vorgestellt, die Methoden politischer Unterdrückung in der Sowjetunion und deren Anwendung auf die Verfolgung politisch Missliebiger in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. späteren DDR erläutern. Alle Publikationen stehen dem Leser zum Download zur Verfügung.

Zielgruppen: Einerseits bietet dieses Projekt umfangreiche Informationsmaterialien für den Schulunterricht. Insbesondere die zahlreichen Häftlingsbiographien, das vielfältige Karten- und Bildmaterial sowie ausgewählte Aufsätze verdeutlichen die Dimensionen des GULAG-Systems und seine Auswirkung auf den einzelnen Menschen.
Andererseits bieten sich in Form der akribischen Datensammlungen zu den Lagerverwaltungen, des umfangreichen Bestands an zeitgeschichtlichen Dokumenten und der ausgewählten Publikationen auch zahlreiche wissenschaftliche Forschungsansätze.

Ansprechpartner:
Sebastian Prieß: sebastian.priess@memorial.de

 

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4. Die letzten Zeugen. Video-Interviews mit Opfern und Zeugen der sowjetischen totalitären Epoche

MEMORIAL International führt ausführliche Video-Interviews mit ehemaligen Häftlingen des GULAG (ggf. auch ihren Angehörigen) durch, um ihre Erinnerungen einer interessierten Öffentlichkeit sowie der Fachwelt zugänglich zu machen.

Die Erinnerungen dieser Zeitzeugen sind eine der wichtigsten Informationsquellen, die uns über den Häftlingsalltag im GULAG und das (Über)Leben in einem totalitären Staat noch zur Verfügung stehen.

Bis heute existieren nur sehr wenige vergleichbare Filmaufzeichnungen von Gesprächen mit russischen Zeitzeugen. Vordringliches Ziel ist es, diese Zeugnisse zu sammeln und zu bewahren, solange es nicht zu spät ist und noch Zeitzeugen am Leben sind.

Die Website zum Projekt finden Sie hier: www.1917-1991.org

Ein Blog mit Infos zur Entwicklung des Projekts finden Sie hier: http://www.1917-1991-de.blogspot.com/

Zur Fortsetzung und möglichst einer Ausweitung des Projekts ist MEMORIAL dringend auf Fördermittel angewiesen.

Spenden für dieses Projekt überweisen Sie bitte auf unser folgendes Konto:
MEMORIAL Deutschland e.V.
Bank für Sozialwirtschaft Berlin
IBAN:DE96 1002 0500 0003 3200 00
SWIFT-BIC: BFSWDE33BER

Verwendungszweck: „Die letzten Zeugen“

 

Ansprechpartner:

Moskau: Alena Kozlowa (kozlova@memo.ru - auf Russisch)

Berlin: Sebastian Prieß (sebastian.priess@memorial.de - auf Deutsch, Englisch oder Russisch)

 

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5. Vorbereitung der wissenschaftlichen Ausgabe der "Chronika tekuschtschich sobytij" ("Chronik der laufenden Ereignisse")

Das Forschungszentrum "Memorial" und die Forschungsstelle Osteuropa der Universität Bremen bereiten eine wissenschaftliche Ausgabe der "Chronika tekuschtschich sobytij " ("Chronik der laufenden Ereignisse") vor.

Die "Chronik der laufenden Ereignisse" ist ein Nachrichtenblatt, das zwischen 1968 und 1982 von Moskauer Menschenrechtlern herausgegeben wurde. Als einzige inoffizielle Chronik der späteren UdSSR stellt es eine einzigartige Quelle zum Studium eines totalitären Staates dar, in dem sogar streng vertrauliche Dokumente ideologisch gefärbt waren. Außerdem dokumentiert die "Chronik", wie der Westen von der sowjetischen Dissidenzbewegung erfuhr und wie Menschenrechte in den internationalen Beziehungen zu einem Hauptthema wurden.

 

Die "Chronik" zeigt, dass die Dissidenten hofften, dass sich das Interesse, das ihnen die westliche Politik entgegenbrachte, positiv auf ihre Anliegen auswirken würde. Sie dokumentiert jedoch auch, wie sie politischem Kalkül zum Opfer fielen. Die wahrscheinlich wertvollsten Zeugenaussagen der "Chronik" stellen dabei die Solidaritätsbekundungen gegenüber Kollegen dar, die in der UdSSR verfolgt wurden. Schriftsteller, Künstler, Physiker, Mathematiker, Historiker und Menschenrechtler sorgten dafür, dass die Repressionen der sowjetischen Behörden gegen die Dissidenten nicht unbemerkt vonstatten gingen. Es ist gut möglich, dass es gewöhnliche Werte waren, wie zum Beispiel künstlerische Freiheit, Respekt vor den Individualrechten und Anteilnahme und Mitgefühl, die dabei halfen, viele Vorurteile und Stereotypen zu überwinden, die nicht nur in der UdSSR üblich waren.

 

Die "Chronik" enthält eine beeindruckende Menge an Informationen. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass diese im Vorcomputer-Zeitalter zusammengetragen wurden. In den über 60 Ausgaben der „Chronika “ tauchen mehr als 14.000 Namen auf, darunter zahlreiche westliche Gelehrte, Künstler, NGO-Aktivisten, Journalisten, religiöse Persönlichkeiten und Politiker. Das Nachrichtenblatt veröffentlichte kurze Zusammenfassungen von übersetzten ausländischen Presseartikeln und literarischen Werken, die durch Samisdat in Umlauf gebracht wurden. Es zitiert zahlreiche Publikationen in den westlichen Massenmedien und Hunderte von internationalen und ausländischen Institutionen, sowohl staatliche als auch nichtstaatliche.

 

Die Herausgeber bieten Studenten der Geisteswissenschaften die Möglichkeit, dieses reichhaltige historische Material zu erforschen und in einem aktuellen Forschungsprojekt mitzuarbeiten. Wir laden Sie dazu ein, bei der Sammlung von bibliografischen und biografischen Erläuterungen über Bürger westlicher Länder, Immigranten aus der UdSSR (es ist bis heute nicht bekannt, wie es einigen von ihnen gelang, die sowjetische Grenze zu überqueren), westliche Institutionen und individuelle Texte zu helfen. Das bedeutet nicht, dass die Möglichkeiten zur Mitarbeit auf das Thema „Die Chronik und der Westen“ beschränkt sind. Wir ziehen gerne auch die Zusammenarbeit mit Personen in Betracht, die sich für andere Aspekte des 20. Jahrhunderts interessieren, die für die "Chronik" relevant sind, z.B. die Geschichte der sowjetischen Untergrundkultur, Menschenrechte, religiöse und nationale Bewegungen in der UdSSR etc. Russischkenntnisse sind von Vorteil und das Projekt ist eine gute Gelegenheit für Russischlernende, ihre Kenntnisse anzuwenden. Doch ein Austausch in Englisch ist auch möglich.

Kontakt: Gennadii Kuzovkin, E-Mail khronika2004@yandex.ru

Tel. +7 (495) 699-6504 (Moskau)

(11.30-13.00, außer am Wochenende. Bitten beachten Sie den Zeitunterschied.)

 

Ansprechpartner in Deutschland:
Vera Ammer (v.u.th.ammer@gmx.net)
 

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