"Flieg zum Flammengott der Schmerzen"

Zum Gedenken an Carola Neher

Am 12.12. fand im Vortragssaal der Bibliothek im Münchner Gasteig eine beeindruckende Gedenkveranstaltung an die große, in München geborene Schauspielerin Carola Neher statt. Obwohl der Star der 20er und frühen 30er Jahre heute vielen nicht mehr bekannt ist, war das Publikumsinteresse überraschend groß. Etwa hundert Zuhörer füllten den Saal. Leider konnte Herr Georg Becker, der Sohn Carola Nehers, der MEMORIAL in der Zeit der Vorbereitung dieser Matinee immer wieder freundlich unterstützt hatte, nicht kommen, dafür waren der Neffe Carola Nehers, Herr Michael Neher, und ihre Enkelin, Frau Anna-Lena Wende, angereist. Herr Christoph Schwarz vom Münchner Kulturreferat, der das Projekt mit unterstützt hatte, war gekommen. Auch Dr. Elisabeth Tworek, die Leiterin der Münchener Monacensia-Sammlung sowie Dr. Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte gaben uns die Ehre.
Anatol Regnier, als Sohn von Pamela Wedekind und Charles Regnier und als Enkel Frank Wedekinds aus einer bedeutenden deutschen Theaterfamilie stammend, führte pointiert in die Veranstaltung ein und beleuchtete schlaglichtartig wichtige Stationen des Lebens der Künstlerin. Frau Professor Dr. Irina Scherbakova, die über Carola Neher publiziert hat, war aus Moskau angereist und berichtete vor allem über den Leidensweg Carola Nehers in der Sowjetunion. Sie informierte in dem Zusammenhang über historische Fakten und Hintergründe des Großen Terrors, dem auch Carola Neher zum Opfer fiel.

Bei einer eindrucksvollen Lesung, die Julia Cortis kenntnisreich moderierte, würdigten Schauspieler der Münchner Kammerspiele, an denen sie einst als junge Frau ihre Karriere begonnen hatte, Leben und Werk Carola Nehers. Dabei wurden Texte von ihr selbst, Gedichte, die ihr Ehegatte  Klabund (mit bürgerlichem Namen Alfred Henschke) und Bertolt Brecht für sie gedichtet hatten ebenso vorgetragen wie zahlreiche Rezensionen und Erinnerungen an die verschiedenen Stationen ihres Lebens. Zu Beginn der Lesung war eine kurze Sequenz aus dem berühmten Pabst-Film „Die 3-Groschen-Oper“ (1930/31) zu sehen. Carola Nehers Profil blieb während der Lesung auf der großen Leinwand im Hintergrund des Saals präsent.

Die erstklassigen Schauspieler beeindruckten durch die schlüssige Interpretation ihrer Rollen: Caroline Ebner las die Texte von Carola Neher mit feuriger Intensität, René Dumont die des tuberkulosekranken Klabund mit poetischer Innigkeit, Steven Scharf  trug die männlichen Zeugnisse (u.a. von Brecht und Polgar) präzise und nüchtern vor. Hildegard Schmahl – ihr wurde am folgenden Tag, dem 13.12., die höchste Ehrung, der Hermine-Körner-Ring für eine Schauspielerin „mit ernsthaftem Streben“ verliehen – beleuchtete mit weicher, ruhiger Eindringlichkeit die letzten erschütternden Lebenssequenzen Carola Nehers als weibliche Zeugin und Wegbegleiterin. Unterbrochen wurde die Lesung durch die berühmten Songs der Dreigroschenoper, gesungen von Carola Neher selbst. Auf ihren mitreißenden Vortrag des „Surabaya-Johnny“ reagierte das Publikum mit spontanem Applaus, ebenso wie auf ihre unwiderstehliche Darbietung des Barbara-Songs auf der großen Leinwand.

 

Es bleibt der Eindruck an eine unvergessliche Matinee und die Hoffnung, dass auf sie bald die Benennung einer Münchner Straße nach Carola Neher folgen wird, damit sie, die vor etlichen Jahren aus ihrer Heimatstadt aufbrach, hier eine verdiente Stätte der Würdigung erhält.

Bettina Nir-Vered, MEMORIAL München


Die gebürtige Münchnerin erlebte die Höhepunkte

Ihrer glänzenden Karriere in Breslau und Berlin, wo sie als Interpretin der „Haitang“ im Schauspiel „der Kreidekreis“ ihres Ehegatten Klabund, der „Polly“ in Brechts Dreigroschenoper“ und als „Marianne“ in Ödön von Horvaths „Geschichten aus dem Wienerwald Theatergeschichte machte.  1933 sah sich die Brecht-Schauspielerin gezwungen zu emigrieren. Mit ihrem Lebensgefährten Anatol Becker, einem Russischlehrer und überzeugten Kommunisten ging sie nach Moskau, in die vermeintlich Glück verheißende Sowjetunion. Die Erwartungen des Paars wurden furchtbar enttäuscht. 1936 wurde zunächst Anatol Becker und kurz darauf auch Carola Neher verhaftet. Anatol Becker wurde noch im selben Jahr erschossen, Carola 1937 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Sie starb am 26.6.1942 im Lager Sol-Iletzk.