„Aufhebung des Ereignisses“: Wie Personen in Gerichtstalaren die Realität des 12. Juni aufheben

Bei den Antikorruptionsprotesten am 12. Juni in Moskau wurden 866 Personen verhaftet. Unter ihnen auch Sarema Saudinova, Regisseurin am Teatr.doc [Theater in Moskau; Anm. d. Übs.], die im Leopardenkostüm zu den Protesten ging, jedoch, sofern man den Polizeiberichten glaubt, in „Hose und Jacke“ verhaftet wurde. Am 27. Juli verurteilte Alexander Merkulov, Richter am Bezirksgericht Tverskoj, Saudinova zu 15.000 Rubel (etwas über 200 Euro) Geldstrafe wegen eines Verstoßes gegen das Versammlungsrecht. Widersprüche und Merkwürdigkeiten in dem Verfahren auf Grund der Faulheit der Polizisten bemerkte der Richter nicht.

 

Es folgt der (leicht gekürzte) Bericht von Sarema Saudinova.

 

 

Aufhebung des Ereignisses: Wie man mir die Realität raubte

 

Wenn ich mich bis zum 12. Juni noch vorstellen konnte, wie es mir gefiel: Regisseurin, tschetschenische Fürstin und was nicht noch alles, so nach dem 12. Juni nur noch so: Guten Tag, ich bin der Leopard. Ich bin die, die auf dem Tverskoj Boulevard im Leopardenkostüm verhaftet wurde.

 

Ich arbeite im Teatr.doc, die Realität, das ist mein Beruf, aber manchmal fügt sie einem Schmerz zu. Wie am 12. Juni 2017. - So ungefähr begann mein Monolog im Gerichtssaal.

 

Da wir unverbesserliche Theaterliebhaber sind und nichts zu verlieren haben, sollte nicht nur ich im Leopardenkostüm im Gerichtssaal sein, sondern auch noch eine Schauspielerin, die auf professionelle Weise die russische Rechtsprechung beweint. Es sollte keine Aussagen geben, sondern Monologe. Und alles sollte dramaturgisches Material sein.

 

So versammelte sich im Gerichtssaal ein Team unserer jungen Leute: Ich in der Rolle einer „Dokumentarfilm-Leopardin“, eine Schauspielerin mit Tränen in den Augen, der politische Gefangene Alexej Polichovitsch sowie der Korrespondent und Zeuge Alexander Tschernych in einem Shirt mit der Aufschrift „Tschetschenien.“ Und der Anwalt Denis Schedov. Eigentlich wollten wir noch Eintrittskarten für die Verhandlung verkaufen, aber dann sahen wir ein, dass Partisanentheater unbedingt bei freiem Eintritt stattfinden muss und entschieden uns dagegen.

 

Der Regisseur-Beruf ist im heutigen Russland kompliziert, weil man uns alles weggenommen hat. […] Es gibt so einen Schauspiel- und Dramaturgie-Begriff: „Aufhebung des Ereignisses“. Da haben wir die Hölle, aber der Schauspieler spielt so, als ob es die Hölle nicht gibt. […] Das machen wir im Leben auch oft so: mit jemandem schlafen, sich am Morgen wundern, ärgern und denken: Ereignis aufheben. Manchmal ist das die Rettung. Nur dann nicht, wenn der Richter deine Realität aufhebt. Noch dazu ohne dein Einverständnis.

 

Im Protokoll steht, dass mich zwei OMON-Mitarbeiter, geboren 1993 und 1994, festgenommen haben. Festgenommen hat mich aber ein großer Schnurrbärtiger über vierzig. Und ein Augenzeuge bestätigt das. Aufhebung des Ereignisses.

 

Ich hatte ein Leopardenkostüm an, da gibt es ein Foto auf der Straße und im Gefangenentransporter, aber im Protokoll steht, dass man mich „in Hosen, Jacke und Stiefeln“ verhaftet hat. Aufhebung des Ereignisses.

 

[…]

Da steht, dass ich auf der Tverskaja Straße in einer Gruppe von 500 Personen verhaftet wurde, aber ich wurde auf dem Tverskoj Boulevard festgenommen und da waren gar nicht so viele Leute. Aufhebung des Ereignisses.

 

Im Protokoll ist eine Liste von Losungen aufgeführt, die Allen nach dem gleichen Muster zugeschrieben wurden. Mit dem Wörtlichen nehmen es die Polizisten offenbar nicht so genau. Aber wozu brauchen sie das Wörtliche, wenn sie sich ihre eigene Realität schaffen und auf die authentische pfeifen.

 

Anwalt Denis Schedov sagt, die Protokolle seien sehr schlecht. Aber selbst wenn sie gut sind, habe ich gesetzlich nichts falsch gemacht. Aufhebung des Ereignisses. 15.000 Rubel Strafe.

 

Am Abend fragt Alexander Tschernych: Wie konnte es passieren, dass irgend so ein Kerl im Kleid einfach die Realität aufgehoben hat? Ich sage: Das ist irgendwie passiert, Sascha. Und wir haben nicht verfolgt, warum das heute die Norm ist. Wenn man in den 2000er-Jahren, bei dem Versuch der Generation der Regisseure einen Namen zu geben, von den „Neuen Leisen“ sprach, dann kann man heute „Neue Niemande“ sagen - man hat uns abgeschafft. Ich bin kein Regisseur, ich bin ein Gesetzesbrecher.

 

Übersetzung: Nicole Hoefs-Brinker

 

2. Oktober 2017