21. Mai – Tag der Solidarität mit politischen Gefangenen in Belarus

Das Menschenrechtszentrum Vjasna hat den 21. Mai zum Tag der Solidarität mit den politischen Gefangenen in Belarus in Andenken an den in der Strafkolonie verstorbenen Vitold Aschurak ausgerufen, der bereits zum vierten Mal begangen wird. Heute befinden sich mindestens 848 Menschen zu Unrecht in Haft.

Seit 2020 sind neun politische Gefangene in Haft verstorben. Bis heute berichten ehemalige politische Gefangene von Prügeln in der Haft, Folter durch Kälte in der Strafisolation, grausamen und unmenschlichen Haftbedingungen, voreingenommener Behandlung durch die Wachen und systematischer Unterdrückung – darunter die Kennzeichnung mit „gelben Kennmarken“. Nach Aussagen ehemaliger politischer Gefangener könnten Schläge und die harten Bedingungen der Strafisolationshaft die Todessursache von Vitold gewesen sein.

 

Daher: Nein zu Folter und Freilassung aller politischer Gefangener in Belarus!

 

Anlässlich des Tages der Solidarität mit den politischen Gefangenen in Belarus stellen wir daher ein dokumentarisches Fotoprojekt „Mahschoty Palitvjasnjau“ (Mugshots politischer Gefangener) von Vjasna vor, das sich mit Mugshots politischer Gefangener und den damit verbundenen Geschichten beschäftigt, um den Gefangenen und ihren Geschichten eine Stimme zu geben.

Seit 2020 haben Hunderttausende Belarusinnen und Belarusen, die wegen politischer Gründe verhaftet wurden, solche „Fotosessions“ durchlaufen: in Bezirkspolizeibehörden, Untersuchungshaft oder Strafkolonien. Jedoch erhalten nur die Gefangenen, die nach dem Strafgesetzbuch verurteilt wurden, diese Aufnahmen nach ihrer Freilassung als „Andenken“ vom Staat. Für einige politische Gefangene ist dies das einzige Foto, das aus vielen Jahren ihres Lebens existiert.

Allerdings haben viele ehemalige politische Häftlinge diese Aufnahmen nicht: Bei manchen gingen sie während einer Notfallevakuierung, der illegalen Ausreise aus dem Land nach der Freilassung oder der zwangsweisen Deportation aus Belarus verloren. Anderen wurden schlichtweg keine Entlassungsbescheinigungen aus der Untersuchungshaft ausgehändigt. Bei vielen anderen verbleiben diese Bilder in den Gefängnisakten und werden möglicherweise erst zugänglich sein, wenn die Archive in Zukunft geöffnet werden.

Bisher wurden etwa 60 dieser Mugshots und die dahinterstehenden Erfahrungen zusammengetragen, indem die Teilnehmer gebeten wurden, vier Fragen zu beantworten:

1) Was ist das für eine Fotoaufnahme?

2) Unter welchen Bedingungen wurde sie gemacht? Was haben Sie dabei empfunden, was geschah um Sie herum und wer hat fotografiert?

3) Was fühlen Sie jetzt, wenn Sie auf diese Aufnahme blicken?

4) Hat diese Aufnahme für Sie eine Bedeutung und werden Sie sie aufbewahren?

Eine Auswahl von sechs dieser Aufnahmen und der damit verbundenen Geschichten wird hier in deutscher Übersetzung vorgestellt.

 

„Stell dich an die Wand – wir fotografieren dich jetzt!“ – Mugshots politischer Gefangener

 

Aljaksandr Veljasnizki

Ehemaliger Offizier der Grenzschutztruppe, verurteilt wegen „Schüren sozialer Feindseligkeit“ für zweieinhalb Jahren Strafkolonie

Freigelassen am 22. August 2023 aus der Strafkolonie Nr. 15 in Mahiljou

Quelle: https://mugshots.spring96.org/work/aliaksandr-veliasnitski

1)      Was ist das für eine Fotoaufnahme?

Das ist ein Scan der gelben Kennkarte aus der Strafkolonie Nr. 15. Diese, die kleinere, ist zum Tragen an der Oberbekleidung. Die große ist zur Markierung des Schlafplatzes.

2)      Unter welchen Bedingungen wurde sie gemacht? Was haben Sie dabei empfunden, was geschah um Sie herum und wer hat fotografiert?

Das Foto wurde in einem Raum des Klubgebäudes der Strafkolonie von einem der „Aktivisten“ gemacht. In diesem Moment habe ich nichts gefühlt und es ist nichts Besonderes um mich herum in diesem Raum passiert.

3)      Was fühlen Sie jetzt, wenn Sie auf diese Aufnahme blicken?

Ich habe das Gefühl, dass, wie einige behaupten, „das Gefängnis mich nicht besser gemacht hat“, und deshalb habe ich die Verpflichtung gegenüber meiner Heimat, diesen Moment zu erleben und alles zu versuchen, um es vom Lukaschenka-Faschismus zu befreien, damit es unschuldigen Leuten, die von den Terroristen als Geiseln genommen werden, nicht schlechter ergeht.

4)      Hat diese Aufnahme für Sie eine Bedeutung und werden Sie sie aufbewahren?

Sie ist für mich ein Ablassbrief, der mich von der Verantwortung für Rache sowohl an den "lukaschenkistischen Monstern" als auch an seinen Verteidigern befreit. Daher – ja, ich werde sie behalten.

 

Anastasija Bulybenka

Verurteilt wegen des „Studentenfalls“ zu zweieinhalb Jahren Strafkolonie nach Artikel 342 des Strafgesetzbuchs

Freigelassen am 30. November 2022 aus der Strafkolonie Nr. 4 in Homel

Quelle: https://mugshots.spring96.org/work/anastasiya-bulybenka

1)      Was ist das für eine Fotoaufnahme?

Diese Aufnahme wurde in der Strafkolonie Nr. 4 für die Kennmarke auf der Brust angefertigt. Generell fotografiert man dich in jedem Untersuchungsgefängnis, in dem du bist, für die Gefängnisakten. Aber in der Strafkolonie macht man extra Foto für die Kennmarke auf der Brust. Wie allgemein bekannt ist, sind diese Kennzeichnungen bei uns, den politischen Gefangenen und Häftlingen, die unter besonderem Regime stehen, gelb.

2)      Unter welchen Bedingungen wurde sie gemacht? Was haben Sie dabei empfunden, was geschah um Sie herum und wer hat fotografiert?

Ganz dunkel erinnere ich mich an diesen Moment, da es ein sehr großer Kontrast zur Untersuchungshaft war, in der du die ganze Zeit nur gefroren hast. Das war tatsächlich einige Stunden nach unserer Ankunft. Man gab uns Formulare und alles geschah ziemlich chaotisch. Wir warteten die ganze Zeit, um irgendwo hinzugehen und mit jemandem zu sprechen. Und in einem Moment sagten sie zu mir: „Geh rüber in den Raum!“. Dort standen einige Häftlinge, die ein weißes Bettlacken hielten. Man sagte mir, ich solle mich hinstellen… und schon fotografierte man mich. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was passiert. Ich kam vom Flur in diesen Raum und der Fotograf machte einfach ein Foto… Auf dem Bild sehe ich etwas verwirrt aus, weil ich keine Zeit hatte zu verstehen, war passiert, wo ich bin und was das für ein Laken ist.

3)      Was fühlen Sie jetzt, wenn Sie auf diese Aufnahme blicken?

Generell ist es verboten, die Kennmarken, auf den politischen Gefangenen diese Fotografien befestigt sind, mit nach draußen zu nehmen. Auch mir ist es nicht gelungen, meine Kennmarke mit nach draußen zu nehmen. Jetzt, wenn ich dieses Foto anschaue, erkenne ich mich nicht wieder. Ich kann nicht anders, als zu denken, dass ich darauf nicht besonders gut getroffen bin [sie lacht]. So eine kleine mädchenhafter Idee. Ich würde sogar sagen, dass ich kaum glauben kann, dass ich das bin.

4)      Hat diese Aufnahme für Sie eine Bedeutung und werden Sie sie aufbewahren?

Ich werde den Entlassungsbescheid und das Foto behalten. Das ist die einzige Fotografie aus diesen zwei Jahren meines Lebens. Zwei Jahre meines Lebens, die auf einem kleinen gelben Foto, auf dem ich dieses Kleid trage, festgehalten sind. Es ist ein Teil meines Lebens, daher werde ich es nicht weggeben oder wegwerfen.

 

Hleb Hatouka

Verurteilt zu vier Jahren Strafkolonie wegen der Ereignisse vom 14. Juli 2020 nach den Artikeln 342, 364, 363, 435 des Strafgesetzbuches

Freigelassen am 25. März 2024 aus dem Gefängnis Nr. 8 in Shodsina

Quelle: https://mugshots.spring96.org/work/hleb-hatouka

1)      Was ist das für eine Fotoaufnahme?

Das Foto wurde offenbar am 21. April 2021 aufgenommen, an meinem Geburtstag, genau an dem Tag, an dem ich in die Strafkolonie gebracht wurde.

2)      Unter welchen Bedingungen wurde sie gemacht? Was haben Sie dabei empfunden, was geschah um Sie herum und wer hat fotografiert?

Das war mein erster Tag in der Strafkolonie und mein 21. Geburtstag. Alle Gefangenen, die mit dem neuen Transport ankamen, wurden sofort in der „Quarantänestation“ fotografiert. An die Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern.

3)      Was fühlen Sie jetzt, wenn Sie auf diese Aufnahme blicken?

Ich sehe da aus wie ein grimmiger Häftling…

4)      Hat diese Aufnahme für Sie eine Bedeutung und werden Sie sie aufbewahren?

Ich werde sie zur Erinnerung aufbewahren, sie weckt viele Erinnerungen.

 

Volha Filattschankava

Verurteilt zu zweieinhalb Jahren Strafkolonie wegen des „Studentenfalls“ nach Artikel 342 des Strafgesetzbuches

Freigelassen am 30. November 2022 aus der Strafkolonie Nr. 4 in Homel

Quelle: https://mugshots.spring96.org/work/volha-filatchankava

1)      Was ist das für eine Fotoaufnahme?

Das ist das Foto, das bei mir auf der gelben Kennkarte in der Strafkolonie war.

2)      Unter welchen Bedingungen wurde sie gemacht? Was haben Sie dabei empfunden, was geschah um Sie herum und wer hat fotografiert?

Als es gemacht wurde, habe ich mich müde gefühlt, weil es der Tag des Transports war – wir waren gerade in der Strafkolonie angekommen. Es waren jegliche Ankunftsmaßnahmen vorgenommen worden und es war bereits Abend. Man rief uns der Reihe nach in einen anderen Raum und fotografierte uns. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wer fotografierte. Es ging alles sehr schnell.

3)      Was fühlen Sie jetzt, wenn Sie auf diese Aufnahme blicken?

Ich denke (und dachte das schon in der Strafkolonie), dass es trotz der Umstände ganz gut gelaufen ist. Die ganze Zeit mit einem verzogenen Gesicht auf der Kennkarte herumzulaufen, wäre nicht so toll gewesen. Ich habe schon damals und auch heute das Gefühl, dass alles irgendwann gut werden wird.

4)      Hat diese Aufnahme für Sie eine Bedeutung und werden Sie sie aufbewahren?

Natürlich werde ich es behalten! Leider durfte man die Kennkarte nicht mitnehmen – darauf war das Foto farbig. Die Aufnahme spiegelt eine Phase meines Lebens wider, auch wenn es nicht gerade die fröhlichste war.

 

Illja Bochan

Verurteilt wegen des „Pinsker Falls“ zu dreieinhalb Jahren Strafkolonie nach Artikel 293 des Strafgesetzbuches

Freigelassen am 17. April 2024 aus der Strafkolonie Nr. 2 in Babrujsk

Quelle: https://mugshots.spring96.org/work/illia-bokha

1)      Was ist das für eine Fotoaufnahme?

Das ist das Fotos für die Kennkarte auf der Brust, die auf den Overall genäht war. Sie musste ständig getragen werden, damit das Gefängnispersonal erkennen konnte, ob du der bist oder nicht.

2)      Unter welchen Bedingungen wurde sie gemacht? Was haben Sie dabei empfunden, was geschah um Sie herum und wer hat fotografiert?

Das Foto wurde in der Strafkolonie in der „Quarantäne“ gemacht, als ich gerade in der Strafkolonie angekommen war. Das passierte in einem offiziellen Rahmen. Ich stand vor der Kamera und wurde von einem der Insassen (einem Fotografen) fotografiert. Die Fotoaufnahme fand in einem separaten Raum statt – dorthin kamen die Leute der Reihe nach hin. Dort standen große Lampen, die zur Beleuchtung da waren. Hinter mir war ein spezielles Tuch. Ich fühlte Anspannung und Unbehagen – ich stehe da in diesem Overall, glattrasiert und man fotografiert mich.

3)      Was fühlen Sie jetzt, wenn Sie auf diese Aufnahme blicken?

Sofort erinnere ich mich an diesen ganzen Schrecken, die Schikane und überhaupt alles, was ich durchlaufen musste. Wenn ich auf dieses Foto schaue, fühle ich die Anspannung und den Spott.

4)      Hat diese Aufnahme für Sie eine Bedeutung und werden Sie sie aufbewahren?

Diese Fotoaufnahme ist eine schmerzhafte, aber wichtige Erinnerung an die Zeit, in der ich politischer Gefangener war. Sie ist nicht nur ein Teil meiner persönlichen Geschichte, sondern auch der Geschichte des gesamten Landes. Ich werde sie für immer behalten. Wenn Belarus von der Diktatur befreit sein wird, werde ich nach Hause zurückkehren und dieses Foto meinen Kindern zeigen, damit sie wissen, mit welchen Kosten die Freiheit verbunden ist und warum man sie schützen muss.

 

Palina Scharenda-Panasjuk

Aktivistin, die insgesamt zu fünf Jahren und vier Tagen Haft verurteilt wurde, unter anderem wegen der „Beleidigung von Lukaschenka“ (Artikel 364 des Strafgesetzbuches) und dreimal wegen „vorsätzlicher Missachtung der Anordnungen der Justizvollzugsleitung“

Freigelassen am 1. Februar 2025 aus der Strafkolonie Nr. 24 in Sarettschа

1)      Was ist das für eine Fotoaufnahme?

Das ist die gelbe Kennmarke, die 2023 nach der zweiten Verurteilung gemäß Artikel 411 des Strafgesetzbuches (vorsätzlicher Missachtung der Anordnungen der Justizvollzugsleitung) angefertigt wurde.

2)      Unter welchen Bedingungen wurde sie gemacht? Was haben Sie dabei empfunden, was geschah um Sie herum und wer hat fotografiert?

Das Foto wurde im Dezember 2023 in der „Quarantäne“ der Strafkolonie Nr. 24 in Sarettscha aufgenommen. Dorthin kam ein Mitarbeiter der Strafkolonie, der Leiter der Vollzugsabteilung Viktar Turtschyn. zusammen mit einer Gefängnisinsassin, welche die Frauen, die in der „Quarantäne“ waren, für neue Kennmarken fotografierte. Die Frauen stellten sich vor einen gelben Hintergrund und wurden der Reihe nach fotografiert. Man wusste, dass es eine „Fotosession“ geben wird, weswegen sich viele Frauen extra die Haare gefärbt und frisiert hatten, obwohl sie scherzten, dass man sich wegen der Qualität der Aufnahmen „sogar selbst nicht wiedererkennen wird“. Und tatsächlich wurden die Fotos auf diesen Kennmarken so stark verzerrt, dass sie nichts außer Lachen hervorriefen. Auf allen Aufnahmen versuchte ich, nicht direkt in die Kamera zu blicken und „eine Miene“ aufzusetzen.

3)      Was fühlen Sie jetzt, wenn Sie auf diese Aufnahme blicken?

Dass ich durch die Hölle gegangen bin und es überstanden habe.

4)      Hat diese Aufnahme für Sie eine Bedeutung und werden Sie sie aufbewahren?

Das ist ein Zeitdokument, ich werde es behalten.

 

Übersetzung: Julian Hasche

Quellen: https://spring96.org/ru/news/120242,  https://mugshots.spring96.org/

 

Wenn Sie politische Gefangene in Belarus unterstützen oder ihnen schreiben möchten, können Sie dies hier tun: https://100xsolidaritaet.de/

 

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