Memorial-Juristin Natalja Morozova über Folter in russischen Lagern
In 280 Haftanstalten werden ukrainische Soldaten festgehalten: in Lagern, in Untersuchungshaft und in Gefängnissen, die sich sowohl auf dem Territorium Russlands als auch in den besetzen Städten in der Ukraine befinden; das sind die Daten der Initiative Tribunal für Putin. Das Zentrum zum Schutz der Menschenrechte Memorial hat ebenfalls einen umfassenden Bericht über mutmaßliche Kriegsverbrechen der russischen Armee veröffentlicht. Der abschließende Teil nimmt dabei die Haftbedingungen und die systematischen Folterungen ukrainischer Kriegsgefangener in den Blick. Das Dokument fußt auf Zeugenaussagen von ausgetauschten Gefangenen.
Nach den genannten Untersuchungen gab es im Untersuchungsgefängnis 2 in Rjazhsk im Gebiet Rjazan in jedem Stockwerk Folterzimmer, in denen man aus den Gefangenen Geständnisse heraus prügelte. In diesen Räumen folterte man mit Schlagstöcken und Elektroschockgeräten, steckte Nadeln unter Nägel, schnürte mit Plastiktüten Atemluft ab und steckte die Köpfe der Verhörten in Wasserbehälter. Ein ehemaliger Häftling berichtete Memorial-Mitarbeitern, dass er innerhalb von zweieinhalb Monaten 35 Mal in diesen Raum geführt wurde. Nach seinen Aussagen brachte man diejenigen, die ein Verbrechen gestanden hatten, aus der Untersuchungshaft in Rjazhsk ins Lager nach Makijivka.
Zwei ehemalige Soldaten der 36. Eigenständigen Brigade der Marine-Infanterie der ukrainischen Streitkräfte, die Azovstal und das Eisen- und Stahlwerk Ilitscha verteidigt hatten, haben von den Haftbedingungen im IK-120 im besetzten Olenivka berichtet: In den Fenstern des Lagers gäbe es kein Glas, sondern lediglich eine Plastikverkleidung, die Toilettenschüsseln seien herausgerissen, es gab weder Wasser noch Heizung. Die Gefangenen hätten nicht ausreichend Schlafplätze, die erste Zeit schliefen sie ohne Matratzen auf Betonboden. Zum Frühstück erhielten sie ein Stück Brot und heißes Wasser. Um zu essen, wurden sie zwei, drei Minuten aus der Zelle geführt. Bei den Verhören brach man den Soldaten die Finger, schlug sie und forderte Geständnisse von Verbrechen.
Das Online Medium Nastojaschtschee Vremja hat mit der Juristin und Co-Vorsitzenden des Zentrums zum Schutz für Menschenrechte Memorial Natalja Morozova über diese Situation gesprochen.
Im Bericht werden Folterbedingungen in dutzenden russischen Lagern und Gefängnissen beschrieben. Ist die Situation nur dort so?
Nein, das glauben wir nicht. Leider haben wir sehr wenige Daten. Und alles, was wir bekommen können, erfahren wir von Soldaten, die ausgetauscht wurden. Nach den Beschreibungen ist das Lager Nr. 10 in Mordwinien, das berüchtigte „Zehner“ das schlimmste. Außer uns hat die Charkiver Menschenrechtsgruppe Klage beim Internationalen Strafgerichtshof gemäß Artikel 15 des Römischen Statuts wegen der Haftbedingungen in diesem Lager eingereicht. Das, was wir derzeit von ukrainischen Kriegsgefangenen hören, übersteigt jegliche Grenzen. Es entsteht der Eindruck, dass die russischen Sicherheitskräfte mit ukrainischen Soldaten machen dürfen, was immer sie wollen, praktisch alles. Grenzen sind nur durch die Phantasie derjenigen gesetzt, die als Aufseher in diesen Gefängnissen arbeiten. In allen Lagern kommt es zu furchtbaren Folterungen.
Von Folter in russischen Lagern war schon lange vor der Voll-Invasion Russlands in die Ukraine bekannt. Kann man sagen, dass gegenüber ukrainischen Soldaten dennoch eine „besondere Behandlung“ angewandt wird?
Ja, leider. Nicht in allen Lagern, in denen Ukrainer festgehalten werden, werden sie grausam gefoltert, aber in den Lagern, von denen wir gehört haben und schreiben, gibt es tatsächlich vollkommen schreckliche Haftbedingungen und grausame Folterungen. Unter anderem zwingt man die Gefangenen dort von morgens bis abends zu stehen, ohne sich zu bewegen und nicht einmal von einem Fuß auf den anderen zu treten. Und wenn der Mensch einfach ein kleines bisschen von einem Fuß auf den anderen tritt, werden alle fürchterlich verprügelt. So stehen sie stundenlang mit sehr kleinen Unterbrechungen durch die Essensaufnahme. Danach haben natürlich alle Probleme mit den Beinen – Geschwüre, Krampfadern bis zur Nekrose. Man hetzt Hunde auf sie. Von Schlägen und Folter mit Strom spreche ich schon gar nicht. Davon gibt es leider auf jeder Seite unseres Bericht.
Wir haben Folter in Tschetschenien dokumentiert und dann dokumentierten wir, wie sich diese Praktiken in ganz Russland ausgebreitet haben. Jetzt ist unsere größte Angst, dass die Menschen, die diese Lager bewachen und dort arbeiten, Gefallen an diesen Folterungen finden und sich das in der Folge in ganz Russland verbreiten wird. Derzeit betrifft das nur ukrainische Soldaten und Zivilisten, aber später werden wird das leider in ganz Russland sehen.
In Ihrem Bericht gibt es ein Beispiel, wie man im Untersuchungsgefängnis Taganrog Gefangene zwingt, „Katjuscha“ zu singen. Ist das der Versuch einer ideologischen Umerziehung oder Schikane um der Schikane willen?
Das gibt es nicht nur in diesem Lager, das ist praktisch allgegenwärtig. Sie zwingen dazu, „Katjuscha“ und russische Lieder zu singen und überall, die Hymne auswendig zu lernen und irgendwelche patriotischen Lieder. Dann überprüft man das. Wenn jemand ins Stocken gerät, wird er auf der Stelle verprügelt und die ganze Zelle gleich mit. Dafür, dass jemand die Nationalhymne nicht auswendig lernt, wird eine kollektive Strafe verhängt. Und demnach zu urteilen, dass das in großem Maßstab passiert, ist das der Versuch einer ideologischen Umerziehung.
In Cherson haben wir Menschen befragt, die Besatzung und Folter in den „Kellern“ mitgemacht hatten. Dort zwang man sie in seltenen Fällen, die Hymne zu singen, aber man zwang sie die ganze Zeit, sich vom „Nazismus“ loszusagen und zuzugeben, dass sie „Banderovzij“ sind und schlugen sie dafür, dass sie die Ukraine, ihr Land als Staat, unterstützen. In unserem Bericht gibt es ein Beispiel, bei dem ein Mensch verprügelt und ihm ein Auge ausgeschlagen wurde, nur weil sie in seinem Geldbeutel ein Rabattkärtchen von einem ukrainischen Supermarkt gefunden hatten, das in den Farben der ukrainischen Flagge war.
Die russische Propaganda arbeitet mit diesen Sicherheitskräften, mit ihren schwach entwickelten Gehirnen; die denken wirklich, dass es in der Ukraine Faschisten gibt, die den faschistischen, ukrainischen Staat unterstützen, und mit solchen Mitteln versuchen sie, die Ukrainer umzuerziehen.
Quelle:
https://www.currenttime.tv/a/ukraine-russia-war-jails-prisoners-of-war-tortures/33623344.html