„Du bist keine Frau, du bist eine Verbrecherin.“ – Erfahrungsbericht einer ehemaligen politischen Gefangenen über die Strafkolonie in Homel und ihre Zeit danach

Anlässlich des Weltfrauentags 2026 widmet die Menschenrechtsorganisation Vjasna den Erfahrungen von Frauen mit staatlicher Repression und politischer Verfolgung in Belarus die Artikelserie "Yana svedchits" [Sie bezeugt]. Ehemalige politische Gefangene erzählen in Interviews von ihren Erlebnissen – von der Verhaftung, über die Trennung von ihren Kindern und die Zeit in Haft bis hin zum Leben danach.

In diesem auf Deutsch übersetzten Bericht erzählt die Künstlerin Aleksandra (Name aus Sicherheitsgründen geändert) von ihrer einjährigen Haft in der Strafkolonie Nr. 4 in Homel und ihrem Leben nach der Freilassung. Sie beschreibt die Haft nicht nur als körperliche Tortur – etwa aufgrund von mangelhafter medizinischer Versorgung –, sondern auch als Zustand ständiger Anspannung und Angst, ausgelöst durch permanente Kontrollen und willkürliche Strafen.

Aleksandras Zeugnis steht stellvertretend für die unzähligen Geschichten von Frauen in Belarus, die in Gefängnissen Verfolgung, Stigmatisierung sowie körperliche und seelische Gewalt erlebt haben – und deren Folgen sie bis heute begleiten.

„Aus belarusischen Gefängnissen kommen die Menschen schwer gezeichnet heraus“

„Wenn man zum Beispiel in der Fabrik arbeitet, kommen sie, um zu kontrollieren, wo deine Unterwäsche oder die Zahnbürste liegt. Sie zeigen damit, dass sie ihre Arbeit tun. Und sie lassen sich ständig irgendwelche neue Regeln einfallen. Erst darf man die Haare nur an diesen Tagen waschen, dann ist es auf einmal an genau diesen Tagen verboten. Ein Buch ist erst in Ordnung, dann plötzlich wieder nicht. Das bedeutet, dass die Gefangenen für alles bestraft werden können, wie es ihnen passt; sogar dafür, dass der Rollkragenpullover einen Zentimeter über dem Hemd hervorsteht.

Du lebst jeden Tag in der Absurdität. Mit Lappen Pfützen in Eimer schöpfen, um ein Blumenbeet zu gießen – nur damit das Wasser wieder hinausläuft. Stundenlang führst du solche sinnlosen Tätigkeiten aus. Oder du schleppst Säcke mit Schnee irgendwohin und kippst sie wieder aus. In der Strafkolonie gibt es sehr viel sinnlose, körperlich und seelisch belastende Arbeit. Aus belarusischen Gefängnissen kommen die Menschen schwer gezeichnet heraus – nicht nur körperlich –, denn es herrschen dort unerträgliche Bedingungen. Man tut dort alles, um dich zugrunde zu richten. Das ist der Preis, den man zahlt, und die Gesellschaft muss verstehen, dass die Menschen mit dem Wertvollsten bezahlen.“

„Um auf die Toilette zu gehen, musst du Schlange stehen“

„In der Strafkolonie ist alles so aufgebaut, dass permanent Mangel herrscht. Für eine Kolonne von 100 Personen gibt es gerade einmal vier Toiletten. Das bedeutet, um auf die Toilette zu gehen, musst du Schlange stehen. Man muss Schlange stehen, um sich die Zähne zu putzen und um sich zu waschen. Du kannst dich nicht waschen, wenn du es musst. Die Kleidung ist einfach ein Hohn. Schon die Form erniedrigt die Frauen. Mir gaben sie ein Kleid, das sechs Nummern zu groß war, und sagten mir, das sei normal. Enger nähen darfst du es nicht, auch wenn du in der Fabrik arbeitest, weil du sonst in der Straf-Isolierzelle landest. Denn dafür kann man dich melden und dort verpfeifen sich alle gegenseitig.

Es gibt keine warme Kleidung. Selbst wenn deine warmen Sachen im Magazin liegen, kannst du sie nicht holen, weil du nur auf Antrag dorthin darfst. Diese Anträge von Inhaftierten werden etwa einen bis anderthalb Monate lang gesammelt. Dann wartest du der Reihe nach. Ich erinnere mich, dass die, die ihren Antrag im September gestellt haben, erst Mitte Dezember ins Magazin durften."

„Menschenwürde gibt es dort überhaupt nicht“

„Menschenwürde gibt es dort überhaupt nicht. Man sagt dir ständig, dass du schlimmer als alle anderen bist, weil du die gelbe Kennzeichnung hast [farbliche Markierung sog. "Extremismus-gefährderter Personen" in belarusischen Haftanstalten]. Und eine schlechtere Stellung kann man sich an diesem Ort kaum vorstellen. Die Nicht-Politischen werden dort mit der Registrierung als Extremist eingeschüchtert, denn für uns sind die Haftbedingungen deutlich schlechter.“

Das gesamte System ist darauf ausgerichtet, den Menschen als Individuum zu unterdrücken, ist Aleksandra überzeugt.

„Sie wiederholen immer wieder, dass du keine Frau bist, sondern eine Verbrecherin. Das sagt alles. In jeder Angelegenheit bist du abhängig und darfst deine Meinung nicht äußern. Solidarität wird dort nicht geduldet und man gibt dir zu verstehen, dass jeder in der Strafkolonie auf sich allein gestellt ist; etwas miteinander zu teilen, ist verboten. Man weiß nicht, wem man trauen kann, dass es in jeder Kolonne Augen und Ohren gibt, die immer bereit sind, dich zu verraten. Im Grunde genommen sind das alles Personen, die der Verwaltung nahestehen – es sind Leute, die wegen Mordes verurteilt wurden.“

„Dein Körper gehört dir nicht“

„Im Gefängnis gehört dir dein Körper nicht. Er wird durch stumpfsinnige körperliche Arbeit und den chronischen Schlafmangel geschunden. Du nimmst deinen Körper nur noch als Werkzeug wahr: um etwas zu greifen oder um etwas wegzutragen. Was für ein Körpergefühl soll man haben, wenn man dir gerade einmal in der Woche 10 Minuten zum Duschen gibt. Dabei brüllen sie auch noch. Du kannst dich nicht einmal hinsetzen, wo und wann du willst.“

Aleksandra halfen Bücher, Lernen und der Austausch mit Frauen, deren Werte mit ihren übereinstimmten, die Haft zu überstehen.

„In der Strafkolonie habe ich den Ausdruck 'Jeder trägt sein Kreuz' sehr deutlich verstanden. Du kannst niemandem helfen. Zusammen mit mir saß eine Frau, die sieben Jahre für Betrug bekommen hatte. Sie weinte jeden Abend und wollte ihr Leben beenden. Ihre Suizidgedanken waren so schwer und tiefgreifend, weil für sie ihr Leben vorbei war – wenn sie rauskommt, würde sie keine Kinder mehr haben können, weil dann ihre Fruchtbarkeitszeit vorbei sei. In Belarus hat jede dritte Frau Probleme bei der Geburt. Viele Menschen im Gefängnis haben Suizidgedanken. Einige haben mir sogar erzählt, wie sie es versucht haben. Nach solchen Gesprächen ist es sehr schwer. Dein Weltbild verändert sich, weil du siehst, wie viel Schmerz es auf der Welt gibt. Das alles zu erleben, wünsche ich niemandem.“

Die Trennung von den Kindern betrachtet sie als das Schwierigste in Haft.

„Man kann alles durchstehen, aber kein Kontakt zu seinem Kind, die Unmöglichkeit, es aufzuziehen – das ist das Schwerste. Das ist kein Schmerz, das ist ein Zerreißen.“

Aleksandra ist Künstlerin. Die Haft zu überstehen, half ihr auch die Kunst. Wie jedoch die ihr nahestehenden Frauen bemerken, sind ihre Arbeiten nach der Freilassung düsterer geworden.

„Ungeachtet dessen, dass sie düsterer geworden sind, kommt in ihnen zugleich eine Tiefe zum Vorschein. Daher bringt eine solche Erfahrung nicht nur Schmerz, sondern auch Stärke. Und ich versuche, meinen Schmerz in Tiefe zu übersetzen.“

„Frauenhass ist dort unübersehbar“

Die frühere politische Gefangene ist überzeugt: In der Frauenstrafkolonie ist das System härter als bei den Männern.

„Die Strafkolonie von Homel ist keine gewöhnliche, sondern eine mit verschärftem Regime. Sie ist ein Spiegelbild der Gesellschaft in komprimierter Form. Frauenhass ist dort unübersehbar. Und die Männer, die dort arbeiten, sind eine eigene Spezies mit sadistischen Neigungen."

„Antidepressiva werden abrupt abgesetzt und die Leute verlieren einfach ihren Verstand“

„Entzugserscheinungen nach der Absetzung der Medikamente sind ein häufiges Problem in der Haft. Den Leuten in der Strafkolonie werden Antidepressiva verschrieben, dann abrupt abgesetzt und sie verlieren einfach ihren Verstand. So was darf man überhaupt nicht machen. Zugleich verschreiben sie Antidepressiva, die die Menschen völlig aus der Bahn werfen. Nach der Absetzung folgen Krämpfe und Wutanfälle. Solche Hilfe macht es nur noch schlimmer.“

Die Inhaftierten erhalten ihre Medikamente auf der Krankenstation nach einer langen Warteschlange. Wenn man am Tag zwei Tabletten einnehmen muss, dann muss man sich zweimal an der Schlange anstellen. Oftmals in der eigenen Freizeit, die es in der Strafkolonie ohnehin praktisch nicht gibt. Außerdem erhalten die Frauen meist anstelle von ausländischen Präparaten die belarusischen Äquivalente, die von deutlich schlechterer Qualität sind. "Deshalb halten nicht alle die lange Therapie durch", sagt Aleksandra.

„Das ist ein sehr schreckliches Gefühl – als ob du im Inneren tot wärst“

„Ich dachte, die ersten Monate nach der Freilassung werden wie aus rosigen Phantasien, ich würde rauskommen und all das machen, was ich möchte. Aber das ist eine Illusion. Als ich draußen war, konnte ich nicht mit den Leuten kommunizieren. Ich wollte einfach nur liegen, und wenn du liegst, möchtest du dich noch tiefer verkriechen. Du begreifst, dass du dich nur mit Menschen unterhalten kannst, die dasselbe wie du durchgemacht haben, sie verstehen dich. Posttraumatischer Stress entlädt sich und du erlebst solch eine Aggression, die ich kaum in Worte fassen kann. Bei dir gibt es 'die Eigenen' und 'die Fremden'. Wegen all des erlebten Stresses spürst du keinen Appetit und empfindest keine Freude.

Dein Leben ist so, als würdest du einen Lutscher in der Verpackung lutschen. Du siehst eine Blume, riechst ihren Duft, aber schmecken kannst du sie nicht. Das ist ein sehr schreckliches Gefühl – als ob du im Inneren tot wärst. Mir als Künstlerin war auch nicht nach Malen zumute. Ich dachte schon, dass ich niemals zum Malen zurückkehren würde, da ich darin keinen Sinn sah. Sogar das Laufen und Atmen fielen mir schwer.“

Aus diesem Zustand rettete Aleksandra das Kochen. Die Zubereitung von Essen selbst war für sie meditativ. Außerdem half ihr die Natur, zu sich selbst zurückzufinden. Lächelnd erinnert sie sich, dass sie in den ersten paar Monaten häufig in Parks und im Wald spazieren war. Zum Malen kehrte sie erst nach einem halben Jahr zurück.

„Solche Leute müssen überallhin begleitet werden, die einfachsten Dinge müssen mehrmals erklärt werden“

„Nach der Freilassung schien mir, dass alle Leute sehr langsam sind. Das war sehr triggernd. Denn in der Strafkolonie gehörst du dir selbst nicht mehr. Dort herrscht ein völlig anderer Rhythmus, innerhalb von drei Minuten erledigt man dort unwahrscheinlich viele Dinge. Die erste Zeit konnte ich mich räumlich nicht orientieren. Jede Störung von Plänen löste Hysterie aus. Du kannst damit nicht zurechtkommen. Daher muss man mit diesen Leuten überall hingehen, bis hin zum Einkaufen. Denn für andere scheinen das äußerst einfache Handlungen zu sein, aber Entlassene kosten sie heldenhafte Anstrengungen. Wenn etwas nicht ganz so lief, bekam ich Panikattacken. Das ist ein unheimlicher Zustand völliger Hilflosigkeit. Deswegen muss man solche Leute überallhin begleiten, die einfachsten Dinge mehrmals erklärt werden, langsam und ruhig.“

Aleksandras Angehörige bemerkten, dass sie anfangs oft aus Gesprächen herausfiel. Sie erklärt das damit, dass es in diesem Zustand schwierig ist, einem Gespräch zu folgen, insbesondere langen. Nach ihrer Aussage muss man mit Menschen nach der Haft mit kurzen, verständlichen Phrasen sprechen, in ruhigem Ton und angenehmer Atmosphäre.

„Es ist unglaublich, wenn dein Selbstwertgefühl zurückkehrt“

„Es hat mich sehr berührt, wenn du hinausgehst und die Gesellschaft beginnt, dich wie einen Menschen zu behandeln. Es ist unglaublich, wenn dein Selbstbewusstsein zurückkehrt, wenn man dich mit Respekt behandelt und wenn du 'Nein' sagen kannst.“

Sie glaubt, dass die Gesellschaft lernen sollte, sicher mit den politischen Gefangenen zu interagieren. Menschen, die solch eine traumatische Erfahrung erlebt haben, verlassen das Gefängnis desorientiert. Sie müssen außerdem nicht nur ihre körperliche und seelische Gesundheit wiederherstellen, sondern auch ihre Beziehungen mit ihrer Familie und den Nahestehenden wiederaufbauen.

„Man muss einige grundlegende Dinge verstehen und geduldig sein, denn es können hysterische Anfälle auftreten. Das Schlimmste ist, dass du nicht weißt, wo und wodurch du getriggert wirst. Wenn man darüber nachdenkt, ist das eine Zerstörung der Grundlagen der Menschlichkeit, ein Bruch aller familiärer und sozialer Verbindungen.“

 

Übersetzung, leicht gekürzt: Julian Hasche

Quelle: https://spring96.org/ru/news/119762

Wenn Sie politische Gefangene in Belarus unterstützen oder ihnen schreiben möchten, können Sie dies hier tun: https://100xsolidaritaet.de/

 

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