Am 15. September starb unser Mitstreiter und Kollege Aleksej Babij von Memorial Krasnojarsk. Das Ausmaß dieses menschlichen und zivilgesellschaftlichen Verlusts wird dadurch verstärkt, dass es derzeit unmöglich ist, öffentlich all das zu sagen, was gesagt werden müsste, und offen auf das großartige Erbe von Memorial Krasnojarsk zu verweisen.
Gemeinsam mit Vladimir Birger und Vladimir Sirotinin gehörte Aleksej zu den Gründern von Memorial Krasnojarsk, das am 9. März 1988 ins Leben gerufen wurde, damals noch unter dem Namen "Schicksale von Menschen". Ein halbes Jahr änderte man den Namen in Memorial. Sirotinin wurde zum Vorsitzenden gewählt, Babij und Birger zu seinen Stellvertretern. "Und noch am selben Tag begannen wir zu arbeiten", schrieb Babij.
Und so arbeitete Aleksej Babij bis zuletzt: akribisch, gründlich, unermüdlich. Er bewältigte Lawine um Lawine, erschloss tausende Listen von Verbannten, Verhafteten, Erschossenen — alles, was der sowjetische Repressionsapparat in einer der größten Regionen des Landes hinterlassen hatte.
"Am Anfang stand Chaos, Unsortiertheit, ein Wirrwarr an Formaten. Am Ende ein geordnetes, digitalisiertes Archiv, Gedenkbücher, eine Website. Eine Maschine zur Vernichtung von Chaos. Wir verbinden Märtyrertum unbewusst entweder mit großem Talent oder einer heroischen Vergangenheit. Damit verkleinern wir das Ausmaß der Tragödie. Es gab nicht Millionen von Militärkommandeuren wie einen Iona Jakir, aber Millionen Opfer! Lasst uns ihre gewöhnlichen Biografien rekonstruieren und ihre gewöhnlichen Fotos an die Wände hängen. Das ist im Grunde das Motto jahrzehntelanger Memorial-Arbeit." Auf diese Weise beschrieb Babij seine Arbeit und seine Devise.
Bei aller Arbeit an chaotischen Deportationslisten verlor er jedoch nie das Schicksal des Einzelnen aus dem Blick, selbst in den größten Papierbergen.
Ein wichtiges, klar formuliertes Credo Babijs war es, alles Gesammelte und Ermittelte methodisch öffentlich zugänglich zu machen, auf der Website, für die Menschen. Auf das eigene Gedächtnis wollte er sich nicht verlassen. Er veröffentlichte täglich die Ergebnisse seiner Arbeit, suchte aber nie die große Bühne und lehnte öffentliche Präsentationen sogar ab, wenn man sie ihm anbot.
"Unsere Organisation ist grundsätzlich nicht auf öffentliche Aktionen ausgerichtet, sondern auf Archiv- und Informationsarbeit, stattliche Archive, behördliche und eigene, die Website, die Arbeit mit Menschen, Korrespondenzen, Sprechstunden, Expeditionen. Und das wird mit der Zeit immer deutlicher. Inzwischen sind wir sozusagen 'in die Cloud gezogen', das heißt zu einer Internet-Gemeinschaft geworden. Das ist keine Reaktion auf die Lage im Land, es war von Anfang an so geplant."
Am 15. September, als Kollegen über den gemeinsamen Verlust sprachen, fielen immer wieder dieselben Worte: "Urgestein", "Ehrwürdiger", "Säule".
Aleksej selbst war ein sogenannter Stolbist — Mitglied jener eigenwilligen Gemeinschaft, die sich um die Krasnojarsker Stolby (Säulen, Pfeiler) bildete: jene markanten Felstürme, die seit Ende des 19. Jahrhunderts Menschen anzogen, die eines einte: die Sehnsucht nach Freiheit. Bis heute ist auf einem der Felsen die Inschrift Svoboda (Freiheit) zu lesen, die dort 1899 entstand.
Es scheint, als hätten wir am 15. September 2026 eine jener Säulen verloren, die Memorial auch in den unruhigsten und unfreiesten Jahren Halt und Stabilität gab.