Erklärung von Memorial zum 70.Geburtstag von Jurij Dmitriev
Die Befreiung von Menschen, die von totalitären Regimen verfolgt werden, muss eine der wichtigsten Aufgaben der internationalen Diplomatie bleiben, auch wenn sie nicht vollständig auf diesem Weg gelöst werden kann. Derzeit befinden sich in Russland mehr als 4600 Menschen aus politischen Gründen in Haft. Alle diese Menschen müssen freigelassen werden. In einigen Fällen ist die Frage nach einer möglichst schnellen Freilassung besonders akut und wird zu einer Frage der Rettung von Leben.
Eben dies ist die Situation von Jurij Dmitriev, einem der ersten politischen Gefangenen der derzeitigen Welle repressiver Maßnahmen unter Putin. Im Dezember 2016 wurde er aufgrund falscher Anschuldigungen verhaftet und befindet sich nun seit über neun Jahren in Haft. Am 28. Januar 2026 ist sein 70. Geburtstag. Diesen Geburtstag wird er in einer Strafkolonie strengen Regimes in Mordovien begehen. Mehrere chronische Erkrankungen haben sich in dieser Zeit auf ernsthafte Weise verschlechtert. Statt Behandlung erhält Dmitriev regelmäßige Disziplinarmaßnahmen wegen seines schlechten Zustandes: Mehrmals wurde er in Strafisolation gesteckt für den Versuch, sich tagsüber auf das Bett zu setzen oder weil er morgendliche Übungen nicht energisch genug ausführte. Als der Verdacht auf eine Krebserkrankung bestand, verweigerte man ihm drei Jahre lang eine Diagnostik. Laut Urteil muss er noch weitere 6 Jahre in Haft bleiben. Doch Verzögerungen bei der medizinischen Versorgung könnten bald tödlich enden.
Grund der Eröffnung des Strafverfahrens gegen Jurij Dmitriev war seine Arbeit zur Erforschung der Geschichte des stalinistischen Terrors in Karelien im Norden Russlands und zur Bewahrung der Erinnerung daran. Dmitriev leitete den karelischen Verband der Russischen Gesellschaft Memorial. Dreißig Jahre lang suchte er nach den Grabstätten der Opfer des Großen Terrors und rekonstruierte anhand von Archiv-Daten das Schicksal der ermordeten Menschen. Dank seiner Anstrengungen entstanden zahlreiche Gedenkstätten für die Verbrechen des stalinistischen Regimes, darunter die Gedenkstätte Sandarmoch, einer der bekanntesten Orte der Erschießungen der Jahre 1937–1938.
Er hat das Leben Tausender verstorbener Menschen rekonstruiert, darunter mehr als hundert erschossene Vertreter der sogenannten Ukrainischen Renaissance: Schriftsteller, Dichter und Theaterregisseure. Im Jahr 2014 äußerte Jurij Dmitriev scharfe Kritik an den Handlungen der russischen Regierung in der Ostukraine. Seine Arbeit wurde mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter das Goldene Kreuz der Verdienste der Republik Polen (2016), der Preis der Moskauer Helsinki-Gruppe für den Schutz der Menschenrechte (2017), der Lev-Kopelev-Preis (2020) sowie der Andrej-Sacharov-Preis des Norwegischen Helsinki-Komitees (2020). Die Auszeichnung durch die offiziellen russischen Behörden bestand in einer fingierten Anklage und dem Urteil zu 15 Jahren Haft in einer Strafkolonie strengen Regimes.
Wir bitten die Regierungsvertreter der USA, der europäischen Länder und Großbritanniens sowie Vertreter internationaler Organisationen, alle verfügbaren diplomatischen und juristischen Mechanismen zu nutzen, damit Jurij Dmitriev so schnell wie möglich freikommt. Der im Gefängnis begangene 70. Geburtstag ist ein wichtiger Anlass, an seine Verdienste zu erinnern und daran, dass eine sofortige Freilassung seine einzige Chance sein könnte, seine Angehörigen wiederzusehen.
Quelle sowie Liste der Unterzeichner:
https://memorial-france.org/free-yuri-dmitriev/