Valentin Stefanovitsch ist stellvertretender Vorsitzender von Vjasna, einer der bekanntesten belarusischen Menschenrechtsverteidiger und früherer Vizepräsident der International Federation for Human Rights (FIDH). Nach fast fünf Jahren wurde er aus der Haft entlassen und aus Belarus abgeschoben.
Im Interview spricht Valentin eindrücklich über die Absurdität des Gefängnissystems, die Kälte in der Straf-Isolation, über tiefe seelische Veränderungen und die unerwartete Solidarität von Kriminellen.
Wir bringen das Interview leicht gekürzt.
Als Menschenrechtsverteidiger haben Sie immer für die Menschenrechte und das Wahlrecht gekämpft. Jedoch geschah Ihre Freilassung praktisch ohne Ihr Zutun: ein politischer Deal, Sondertransport und Zwangsabschiebung nach Litauen. Wie fühlt es sich für Sie an, das über Ihre persönliche Selbstbestimmung und Ihr Schicksal hinter verschlossenen Türen entschieden wurde?
Ich bin natürlich empört darüber, dass man mir meine Heimat genommen hat. Gewaltsam würde ich sagen. Das heißt, ich hatte keine Wahl. Leute in Zivil, Vertreter der Geheimdienste, brachten mich an die Grenze, überstellten mich der anderen Seite und gaben mir keinerlei Dokumente, weder einen Pass noch irgendetwas anderes. Und man erklärte mir im Grunde nicht einmal, welchen rechtlichen Status ich im Moment habe. Niemand sagte zu uns: „Ihr seid freigelassen“ oder „Ihr seid vom Präsidenten begnadigt.“
Deshalb weiß ich bis zum heutigen Tag nicht einmal, was mein rechtlicher Status ist. Bin ich tatsächlich begnadigt, bin ich von der Verbüßung meiner Strafe befreit worden mit Aufhebung der Vorstrafe oder ohne? Oder kann es sein, dass ich formal immer noch als Verurteilter gelte? Werde ich, wenn ich in meine Heimat zurückkehre, sofort wieder ins Gefängnis gesteckt und man wird sagen, dass mich eigentlich niemand begnadigt hat?
Bei uns gibt es keine rechtlichen Verfahren, nach denen man einen Bürger einfach so festnehmen und aus dem Land ausweisen kann. Das ist rechtswidrig, verfassungswidrig. Es verletzt das Recht auf Freizügigkeit. Andererseits, wenn man auf die Geschichte der UdSSR zurückblickt, war die Ausweisung aus dem Land zusammen mit der Aberkennung der Staatsbürgerschaft in den 1960er- bis 1980er Jahren ein ziemlich verbreitetes Phänomen (wie etwa bei Wladimir Bukowski, Alexander Solschenizyn). Aber ich möchte mich nicht mit ihnen vergleichen. In unserem Fall zeigt das einen massenhaften Charakter. Damals betraf es Dutzende von Menschen, bei uns wird es bald auf Tausende hinauslaufen. Man muss weder Bukowski noch Parteiführer sein, damit man dich einfach festnimmt und aus deinem Land ausweist.
Natürlich verstehe ich sehr gut, dass das ein Bestandteil eines politischen Abkommens war, ohne dass man uns nicht freigelassen hätte. Ich bin froh, dass ich in Freiheit bin und wieder mit meiner Familie zusammen bin, aber die volle Verantwortung liegt bei der belarusischen Seite.
Wie verlief der Prozess der Befreiung technisch? Wussten Sie im Voraus, dass eine Vereinbarung vorbereitet wird?
Es war für mich zugleich erwartbar und überraschend. Ich wusste, dass solche Prozesse laufen, da ich im „Sovjet-Belarus“ [eine staatliche Zeitung] zwischen den Zeilen gelesen und Radio gehört habe, wo berichtet wurde, dass so und so viele Menschen begnadigt worden seien. Bereits im Sommer hörte ich von der Freilassung von Tichanovskij.
Im Januar [2026] wurden ich und andere politische Gefangene plötzlich aus der Zelle (drei von acht Zelleninsassen) in den Korridor geführt. Dort standen einige Offiziere, die sagten: „Morgen werdet ihr freigelassen, aber ihr müsst das Staatsgebiet verlassen. Seid ihr einverstanden?“. Ich sagte, dass ich einverstanden bin, falls es keine anderen Möglichkeiten gäbe. Wir durchlebten einen richtigen Schock, da wir dachten, dass man uns morgen oder übermorgen freilässt. Jedoch wurden wir weder morgen noch nach einem Monat freigelassen. Das war jedoch keine Schikane, sondern irgendein Befehl. Offenbar, befragten sie die Gefangenen nach dem Fall Statkevitsch pro forma: „Seid ihr einverstanden, das Staatsgebiet zu verlassen?“.
Die Freilassung selbst erfolgte am 18. März. Seit dem Morgen warteten wir auf die planmäßige Visite des Gefängnisdirektors. Da öffneten sich die Türen, es kamen OMON-Leute [Polizeispezialeinheit] hinein und riefen Familiennamen, darunter meinen und den eines weiteren politischen Gefangenen. Sie sagten: „Ihr habt drei Minuten, um euch fertig zu machen.“ Wir begannen zu fragen: wohin, was? Aber niemand antwortete uns. Ich hatte meine Sachen bereits sortiert, einige wollte ich mitnehmen und andere meinen Zellengenossen geben, daher packte ich schnell nur meine persönlichen Dokumente (Urteil, Gerichtsbeschluss) und Fotografien ein. Aber nach der Durchsuchung wurden mir diese Dokumente weggenommen und mir blieben nur die Fotos.
Wie wurden Sie transportiert?
Man führte mich in einen Minibus. Personen in Zivil zogen mir Handschellen an und eine Kapuze über den Kopf, damit ich nichts sehen konnte. Sie sagten wörtlich: „Verurteilter Bürger, Sie werden zur Teilnahme an Untersuchungsmaßnahmen weggebracht.“ Das bedeutet, dass niemand sagte, dass man uns freilässt. Die Situation hätte alles Mögliche sein können.
Sie schafften uns fort, zogen mir die Kapuze vom Kopf und ich erkannte, dass ich mich in einem neuen, großen Gefängnis befand: das Untersuchungsgefängnis Nr. 1 in Koljaditschi [bei Minsk]. Man brachte mich zu einem Kriminalbeamten, der begann, mich zu befragen: Wer ich bin, für was ich verurteilt wurde und ob ich meine Schuld bekenne. Ich sagte, dass ich keine Schuld bekannt habe und nicht bekenne sowie keinerlei Gnadengesuche gestellt habe. Allerdings hatte es mir auch keiner vorgeschlagen, aber selbst, wenn es jemand vorgeschlagen hätte, hätte ich es trotzdem nicht gemacht. Das ist für mich eine Entscheidung aus Prinzip.
Man brachte uns in eine Zelle und ich erkannte Eduard Paltschys. Wir besprachen die Lage und verstanden, dass man uns wegbringen wird. Am nächsten Morgen befahl man uns, Zivilkleidung anzuziehen. Man nahm uns die Gefängnisstiefel ab, gab uns neue Turnschuhe und sagte uns, dass wir uns rasieren sollen. Dann wurden wir in einen Kleinbus geführt. Dort saßen bereits höfliche und zurückhaltende Beamte in Zivil (offenbar vom KGB). Man brachte uns ohne Handschellen und ohne Sack über dem Kopf weg.
Die Vorhänge im Bus waren ein wenig geöffnet. Wir fuhren auf den Autobahnring hinaus. Ich bin selbst Autofahrer und kenne Minsk gut. Ich hätte so gerne wenigstens einen kurzen Blick auf das Haus meiner Eltern geworfen… Ich dachte nach, wohin bringen sie uns? In die Ukraine, zur Brester Trasse? Aber dann verstand ich, dass wir nach Litauen fahren. Wir standen für ein paar Stunden in einem Wald in der Nähe. Dann schlossen wir uns einem amerikanischen Konvoi an. John Coale stieg in den Bus ein und sagte auf Englisch so etwas wie: „You are finally free! Those shit is finished“. In einem anderen Bus, in den wir umgestiegen, erblickte ich Nasta Lojka und Marfa Rabkova. Ich habe mich sehr gefreut! Marfa hatte ich zuvor im Valadarka-Untersuchungsgefängnis gesehen: Wenn sie zum Hofgang ging, streckte ich mich durch die „Futterluke“ und zeigte das Victory-Zeichen.
Die Freilassung ist sehr starker Stress, aber im positiven Sinne, ähnlich dem Zustand, wenn man verhaftet wird, nur umgekehrt. Man wird von der Euphorie regelrecht gepackt: Am Morgen ist man noch in Haft und am Abend schon in Freiheit in Vilnius.
Gefängnis – das ist ein Ort, an dem die Zeit stillsteht oder sich in die Länge zieht. Wie haben Sie die Zeit während dieser fünf Jahre gemessen und „gezähmt“? Wie war Ihr Tagesablauf in verschiedenen Anstalten?
Die Zeit verläuft unterschiedlich an verschiedenen Orten. Während dieser fast fünf Jahre bin ich viel umhergereist. Als Erstes Polizeigewahrsam, aber dort war ich nur für ein paar Tage. Danach das Valadarka-Untersuchungsgefängnis Nr. 1, in dem ich fast zwei Jahre in ein und derselben Zelle verbrachte, Nummer 53 im Keller. Ich muss sagen, dass von allen Orten Valadarka den herzlichsten Eindruck hinterlassen hat. Wir hatten eine fröhliche Zellengemeinschaft, alles war sehr menschlich. Aber im zweiten Jahr begann ich bereits, ein bisschen durchzudrehen: Zwei Jahre in einem Raum zu sitzen ist ziemlich anstrengend.
In der Strafkolonie vergeht die Zeit schneller, denn man ist die ganze Zeit mit dem Alltag und dem Tagesablauf beschäftigt: Morgenappell, Frühsport, Arbeit in der Aluminiumreinigungshalle, Mittagessen, wieder Arbeit und dann muss man es noch schaffen, sich zu waschen. In der Werkshalle gab es keine Dusche und im Zellenblock gab es nur kaltes Wasser. Um uns im Winter zu waschen, haben wir gemeinsam eine „Maschine“ (selbstgebauter Wasserkocher aus Eisenscheiben) konstruiert und erhitzten das Wasser in einem großen Eimer, wobei wir uns vor allen versteckten. Und diese tägliche Routine lässt die Zeit verfliegen.
Aber in Straf-Isolation hat man keine Uhr. Dort kann man den Überblick über die Tage verlieren. Die Leute orientieren sich daran, wann das Essen gebracht wird, oder sie machen Einkerbungen. Ich lauschte dem Radio, das auf dem Korridor lief, um die Nachrichten zu hören und zu verstehen, wie viel Uhr es gerade ist.
Wenn der Körper in vier Wände eingesperrt ist, beginnt der Geist intensiv zu reisen. Sie haben acht Monate in Einzelhaft verbracht. Wohin sind Sie gedanklich gegangen, um sich zu erholen?
In der verschärften Einzelhaft war ich überall! Man hat mich von Februar bis Oktober 2024 in Einzelhaft gesetzt, offensichtlich, um es mir noch schlimmer zu machen. Aber dann spürte ich einen richtigen Rausch. Ich hatte so sehr verlernt, mit mir allein zu sein… Denn in der Strafkolonie sind immer hunderte Menschen um dich herum. Und in der verschärften Einzelhaft habe ich viel über mein Leben nachgedacht, über meine persönlichen Beziehungen, mich seziert, Psychoanalyse betrieben.
Ich habe Minsk sehr vermisst. In Gedanken saß ich hinter dem Steuer, wobei ich jede Kurve genau nachahmte… . Ich reiste durch viele Länder, in denen ich irgendwann mal war. Ich hatte so sehr gelernt zu abstrahieren, dass ich irgendwohin ins Weltall flog. Mein Körper war im Gefängnis, aber ich flog in die Vergangenheit oder Zukunft. Später las ich das Buch eines Franzosen, der aus einem Gefängnis in Guyana geflohen war (Papillon), und er beschreibt genau diese Erfahrung der Abstrahierung in Einzelhaft. Um die englische Sprache nicht zu vergessen, gab ich mir selbst Interviews. Ich stellte mir vor, dass ich vor internationalen Fernsehsendern stehe und auf Englisch erzähle. Übrigens, die Sprache habe ich nicht vergessen!
Aber da ist ja auch noch die Kälte. Viele ehemalige politische Gefangene berichten über die Folter durch die Kälte in der Straf-Isolation.
Ja. Praktisch alle politischen Gefangenen gelangten über die Straf-Isolationszelle ins Straflager. Ich bekam direkt nach der Quarantäne 20 Tage. Der Leiter der Strafkolonie sagte mir ganz offen: „Sie werden es hier sehr, sehr schlecht haben, weil Sie von Vjasna sind.“ Und jeden Monat kam ich für mindestens zehn Tage in verschärfte Einzelhaft.
Verschärfte Einzelhaft und Straf-Isolation, das ist „Kitscha-Bur“ [Knast-Isolationszellen] wie man im Jargon sagt. Ich hatte immer dieselbe Zelle. Wenn ich in verschärfter Einzelhaft war, gab man mir für die Nacht Matratze, Decke und einen Trainingsanzug. Und dann fingen die Tage der Straf-Isolation an: Man nimmt dir all das weg, zieht dir eine „Stekljaschka“ an (eine spezielle Robe aus synthetischem Material und lässt dich in der gleichen Zelle auf den nackten Brettern zurück.
Der Heizkörper dort ist nur leicht warm, es lohnt sich nicht mal, sich daran zu lehnen. Er ist aus Metall, aber nicht aus Gusseisen, gibt aber keinerlei Wärme ab. Um dich aufzuwärmen, lehnst du dich an ihn an, kannst dir dadurch aber Verbrennungen zuziehen und schon 20 Zentimeter davon entfernt frierst du wieder.
In Straf-Isolation kannst du wegen der Kälte nicht schlafen. Du beginnst „Sport“ zu treiben, Kniebeugen, Liegestütze. Der Adrenalinspiegel steigt, das Herz pocht und du schläfst sicher nicht ein. Und du fällst in einen Grenzzustand zwischen Wachsein und Schlaf. Es beginnen fast schon Halluzinationen, du siehst leuchtendes Kino vor dir! Eine Szene nach der anderen: du siehst Verwandte, Bekannte oder völlig zufällige Menschen.
Hatten Sie keine Angst, den Verstand zu verlieren?
Irgendwie habe ich durchgehalten. Aber du triffst auf unterschiedlichste Typen. Als ich zum ersten Mal in Straf-Isolation gebracht wurde, habe ich in der Nacht gehört, wie mein Zellennachbar mit zwei verschiedenen Stimmen gesprochen hat und sich selbst geschlagen hat. Er hatte eine gespaltene Persönlichkeit. Zuerst dachte ich, dass sich dort zwei Menschen prügeln, aber es stellte sich heraus, dass er allein war, er spielte verschiedene Rollen.
Und einmal saß ein junger Roma bei mir, etwa 19 Jahre alt. Er fragte mich vollen Ernstes: „Existieren denn sprechende Fische? Wie im Märchen?“ Ich sprach mit ihm wie mit einem fünfjährigen Kind. Ich sagte: „Janusch, solche Fische gibt es nicht. Aber wenn du rauskommst, geh mit deiner Frau in den Minsker Zoo, da gibt es viele interessante Tiere. Dort lebt eine Anakonda, sie spricht zwar nicht, ist aber sehr interessant.“
Welche Farbe, Klang oder Geruch aus der Freiheit hat dir am meisten gefehlt?
Insgesamt die Natur. Ich habe zwei Jahre keinen Sommer gesehen. Als man mich im Sommer aus der verschärften Einzelhaft zur Röntgenuntersuchung brachte und ich auf die Straße hinausging, schlug mir das Grün ins Gesicht, sodass mir ganz schwindelig wurde, gewöhnliches Gras und die Apfelbäume um das Stabsgebäude. Und im geschlossenen Gefängnis siehst du den Himmel nur durch das Gitter. Bäume sah ich ausschließlich aus dem Fenster des Raums, in den man uns zum Telefonieren brachte. Dort hinter dem Zaun war der Mahiljou-Park. Und ich beobachtete den Wechsel der Jahreszeiten an diesen Bäumen. Ein paar Minuten, um auf Bäume zu sehen, genau das hat mir gefehlt.
Das Gehör wird sehr geschärft. Du hörst ständig das Gefängnis. Du hörst das Klappern der Türen (man nennt sie „Bremsen“). In Valadarka, wenn wir Fernsehen schauten (und uns ein vernünftiger Aufseher das erlaubte), bestimmten wir anhand des Geräusches der Türen, ob gerade der Wachwechsel stattfand. Schlugen die Türen weit hinten im Korridor, schwups, schalteten wir den Fernseher aus, um niemanden zu gefährden. Im geschlossenen Gefängnis weißt du anhand eines Geräusches alles: Da werden die Pritschen hochgeklappt, da wird jemand in die Dusche geführt. Du hörst alles und bereitest dich auf alles vor.
Wenn man die körperlichen Belastungen und den Alltag im Gefängnis beiseite lässt, worin besteht der größte psychologische Schrecken der Unfreiheit?
Unfreiheit – das ist eine sehr schwere Prüfung. Ich würde sagen, das Schlimmste, was es im Leben gibt, ist Tod und Unfreiheit. Schlimmeres als diese Dinge gibt es wohl nicht. Das Leben draußen geht ohne dich weiter, als ob du gestorben wärst. Die Angehörigen leiden zwar mit dir, aber sie leben ihr Leben weiter, gehen zur Arbeit und die Kinder werden größer. Während du in einer anderen, isolierten Welt lebst. Und wenn du zurückkommst, ist es so, als wärst du aus dem Koma erwacht. Alles hat sich verändert. Meine jüngste Tochter war vier Jahre alt, jetzt ist sie neun. Das ist schon ein ausgewachsener Mensch! Diese Zeit habe ich verpasst. Jetzt lebe ich von Neuem. Es ist hart, aber eine interessante Erfahrung.
Mir hat es sehr geholfen, dass man draußen für uns gekämpft hat. Ich wusste, dass Vjasna aktiv ist. Der Leiter des Gefängnisses hat mir selbst gesagt: „Auf eurer Seite wurde wieder etwas geschrieben.“ Und ich verstand, was es bedeutet, dass Vjasna aktiv ist. Ich vertraute meinen Freunden. Aber wir alle wissen: Man hat uns ausschließlich aus wirtschaftlichen Überlegungen (die Sanktionen) freigelassen und nicht, weil der Staat sich entschieden hätte, einen Dialog mit der Gesellschaft zu initiieren.
Um beim Thema der Innenwelt zu bleiben und wie man den Verstand hinter Gittern bewahren kann: Sie haben erwähnt, dass man hinter Gitter viele Dinge anders wahrnimmt, die Romantik verschwindet und es tritt der grausame Realismus hervor. Änderte sich im Gefängnis Ihre Wahrnehmung der Literatur oder historischer Ereignisse? Haben sich vielleicht einige Bücher plötzlich in einem unerwarteten Licht offenbart?
Absolut. Ich habe viele Klassiker gelesen. Ich bevorzugte Tolstoj: „Krieg und Frieden“, „Auferstehung“, „Anna Karenina“, „Hadschi-Murat“. Aus der belarusischen Literatur – Bykau und Karatkevitsch. Gerade sie haben unsere Literatur in den 1970er- und 190er Jahren buchstäblich vor den Traktoren und Stalin gerettet. Ich habe auch Schamjakin gelesen, aber er hat mir nicht gefallen, sehr konformistisch und opportunistisch.
Mit neuen Augen habe ich „12 Stühle“ und „Das goldene Kalb“ von Ilf und Petrov gelesen. Früher war das eine Komödie, aber jetzt las ich es und richtete meine Aufmerksamkeit auf das Schicksal der sogenannten „Ehemaligen“: Kisa Vorobjaninov und anderer, die in Sowjetrussland blieben und nach der Revolution nicht weggingen. Zu was waren sie geworden… . Mir haben sie sehr, sehr leidgetan.
Ich habe Milan Kundera für mich entdeckt. Sein Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ über die Tschechoslowakei nach dem Prager Frühling 1968 zeigt unglaublich viele Parallelen zu unserer Situation. Besonders der Moment, in dem die Emigrierten zurückkehren und zwischen ihnen und denen, die geblieben waren, eine Mauer des Unverständnisses sichtbar wird. Die einen sagen: „Ich habt uns im Stich gelassen“, und die anderen: „Ihr seid hier zu Konformisten geworden und habt rote Flaggen gehisst.“
Bemerken Sie jetzt auch solch eine Spaltung in unserer Gesellschaft?
Ich möchte die Menschen nicht spalten. Viele haben noch Verwandte im Land. Es ist nun mal so, wie es ist, mancher geht weg, mancher nicht. Das Problem ist ein anderes: Das heutige Belarus ist eine verbesserte Kopie der BSSR [Belarusische Sozialistische Sowjetrepublik]. Mit all ihren Attributen: dem wirtschaftlichen Verfall, dem Fehlen von Wahlen und mit politischen Gefangenen. In der UdSSR sagte man, die sowjetische Verfassung erinnert an die Speisekarte in einem sowjetischen Restaurant: Es steht viel drauf, aber nichts ist verfügbar. Bei uns ist es genauso. Alle Bürgerrechte sind vollständig ausgehöhlt worden. Setzt dich still hin und arbeite, und hebst du den Kopf, wird er dir abgerissen. Es ist traurig, dass wir im 21. Jahrhundert gezwungen sind, für eine so einfache Sache wie Demokratie zu kämpfen.
Haben Ihnen Humor und Ironie geholfen die Absurdität des Gefängnisses zu überstehen?
Es gibt dort Humor, aber einen sehr spezifischen, harten. Es gibt viele Anekdoten. An Absurditäten seitens der Verwaltung mangelte es ebenfalls nicht. Man warf mich für 10 Tage in die Straf-Isolation, weil in meinem Nachttisch eine Seifenschale mit Seife lag, jedoch in der Inventarliste nur das Wort Seife geschrieben stand. Ich sagte ihnen „Wartet mal, in der Liste steht ebenfalls nur Zahnpasta. Soll ich also die Tube wegwerfen und die Paste in der Schublade ausdrücken?“ Sie lachten: „Na, Valentin Konstantinovitsch, Sie verstehen doch alles.“
In Untersuchungshaft haben wir uns in der Zelle darauf verständigt „menschlich“ zu leben. Es existieren grausame Scherze über diejenigen, die gerade erst angekommen sind. Zum Beispiel wird vom Korridor gerufen: „Der und der, mit Papieren zur Tür!“ (das heißt, die Dokumente, um Ermittler zu bringen). Und die Mitinsassen geben dem Neuling eine Rolle Toilettenpapier. Er geht hinaus in den Korridor mit dem Toilettenpapier und die ganze Zelle wiehert. Wir haben uns entschieden, so etwas nicht zu tun. Als Neuling steht man ohnehin schon unter Stress, man muss sie nicht noch weiter unter Druck setzen und wegen ihrer Unwissenheit verhöhnen.
„Menschliche Bude“ ist ein Begriff aus der kriminellen Unterwelt. Das ist eine Zelle, in der Gerechtigkeit herrscht, wo ein Insasse dem anderen hilft. Dort macht man sich nicht über Neulinge lustig. Das Antonym ist „Bock-Treiben“, wo jeder auf sich allein gestellt ist und die Leute mit der Gefängnisverwaltung kollaborieren, um gegen die eigenen Leute zu arbeiten.
Aber haben sich nicht auch manchmal Verbrecher und sogar Mörder mit Ihnen, den politischen Gefangenen, solidarisch gezeigt?
Das war für mich eine sehr schwierige moralische Erkenntnis. Ich saß zusammen mit Mördern, die zu bis zu 25 Jahren verurteilt waren. Aber ausgerechnet von ihnen habe ich menschliche Solidarität erfahren. In schwierigen Momenten, als ich in der Straf-Isolation war, riefen sie mir durch das Belüftungssystem ganz einfache Worte der Unterstützung zu, die in diesem Moment notwendig waren: „Halt durch, komm schon, mach dir keinen Kopf!“ Und du versteht: Ja, er ist ein Mörder, aber er ist ein Mensch. Sein Staat hat ihn isoliert, aber er hat nicht das Recht ihn zu foltern.
In der Strafkolonie schürte die Verwaltung gezielt Konflikte. Einmal sagte der Leiter, dass „Politische“ (mit gelben Erkennungsmarken) erst nach den Gefangenen mit sogenanntem niedrigem sozialem Status in den Gefängnisladen gehen dürfen. Wir betrachteten das als Verletzung unserer Würde und weigerten uns einfach, in den Laden zu gehen. Es begann ein Eklat, als die Verwaltung die Rädelsführer des „Aufstands“ suchte, sie steckten unsere Leute in die Straf-Isolation. Ich befand mich in einer verzwickten Situation. Ich bin aus Prinzip nicht in den Laden gegangen und es gab auch keine Paketendungen. Und dann half mir ein Tschetschene, der zehn Jahre wegen Betäubungsmitteln saß. Er kam zu mir und sagte: „Valik, du kannst für dich selbst nichts kaufen, 150 Augen beobachten dich. Lass mich deine Zigaretten für Lebensmittel tauschen.“
Im Februar wurde ich in die verschärfte Einzelhaft gesteckt und er wurde im Frühjahr entlassen, sodass wir uns nicht mehr begegnet sind. Als ich im Oktober aus der Einzelhaft herauskam, brachten mit die Jungs eine riesige Tüte mit Fleischkonserven und Kondensmilch. Er hat das alles für mich dagelassen und eindringlich darum gebeten, es mir zu übergeben, damit ich nicht denke, dass er mich betrogen und die Zigaretten behalten hätte. Sein kaukasischer Stolz hätte ihm das nicht erlaubt! Er ist ein wahrhaftiger Gläubiger, der seinem Nächsten half.
Es gab noch einen weiteren Tschetschenen, der als Wachmann in der Straf-Isolation arbeitete. Wenn man mich dorthin brachte, holte er mir immer heimlich die größte Robe, damit ich mich darin bis zum Kopf einwickeln und aufwärmen konnte. Dabei sagte er „Alles so, wie sie es gern haben, Valentin Konstantinovitsch,“
Im Alltag sprechen Sie Belarusisch. Wurden Sie in Haft für Gespräche auf Belarusisch zusätzlicher verfolgt?
Belarusisch habe ich aus verschiedenen Gründen nicht immer genutzt. In der Strafkolonie wurden deswegen die Telefongespräche mit Verwandten abgebrochen und man konnte sogar in die Straf-Isolation geschickt werden. Allerdings war das in Untersuchungshaft und im geschlossenen Gefängnis entspannter. Die Briefe nach Hause schrieb ich auf Belarusisch und die Zensur ließ sie durch.
Unter den politischen Gefangenen sprachen wir oft Belarusisch. Es gab eine starke Solidarität: Wenn ein neuer politischer Gefangener kam, gingen wir sofort zu ihm, man lernte sich kennen, wir fragten, was er brauchte, und erklärten ihm die Regeln, damit ihn niemand betrügen konnte. In der Werkshalle halfen wir einander, um die Aluminiumquote einzuhalten: Wenn es jemand nicht schaffte, gaben wir ihm von unserem Aluminium, damit man ihn nicht in den Karzer brachte.
Was planen Sie, wo Sie sich nun im Ausland befinden? Womit kann sich ein Menschenrechtsverteidiger im Exil beschäftigen?
Ich werde natürlich meine Menschenrechtsarbeit fortsetzen, weil ich mich damit schon seit 1998 beschäftige. In welcher Form genau und was ich genau machen werde, weiß ich noch nicht. In den letzten Jahren habe ich mich zunehmend mit internationalen Tätigkeiten befasst, 2019 wurde ich zum Vizepräsidenten der International Federation for Human Rights (FIDH) gewählt. Vielleicht werde ich in dieser Richtung irgendwie weitermachen.
Das Thema der internationalen Rechtsprechung ist sehr interessant. Damit haben wir uns bereits um den Jahreswechsel 2020 bis 2021 intensiv beschäftigt, einschließlich der Arbeit im Zusammenhang mit dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH). Früher dachte ich, dass es praktisch unmöglich ist, sich außerhalb des Landes mit Menschenrechtsarbeit zu befassen. Aber jetzt sehe ich, dass die Dokumentation gerade außerhalb des Landes sicherer und aktueller ist als innerhalb des Landes. Das betrifft vor allem die Sicherheit derer, deren Erfahrungen dokumentiert werden (die Opfer), und derjenigen, die diese dokumentieren.
Heute muss man davon ausgehen, dass Menschenrechtsarbeit innerhalb von Belarus a priori unmöglich ist, in keiner Form. Aber hier kann man vieles tun. Allerdings ist diese Arbeit natürlich sehr begrenzt. Du hast keine Möglichkeit, Kampagnen im Land selbst durchzuführen, Aufklärungsarbeit für die Menschen seitens der Berufsgemeinschaft der Anwälte zu leisten oder vor Gericht zu erscheinen. Aber auf internationaler Ebene kann man noch einiges tun.
Ein besonders schmerzliches und seit jeher aktuelles Thema, das mich immer beschäftigt hat, ist die Todesstrafe. Wir haben sehr viel zu diesem Thema gemacht. Zum Beispiel im konkreten Fall der Brüder Koszeu, die dank unserer Bemühungen begnadigt wurden und deren Leben gerettet wurden. Ich bin überzeugt, dass dies ohne unser Engagement nicht geschehen wäre. Jetzt sind die Tendenzen in Belarus sehr gefährlich: Strafartikel wurden ausgeweitet, man kann sogar für den „Versuch oder Vorbereitung einer Straftat“ dieses Strafmaß erhalten, selbst wenn die Handlungen unterbunden wurden und es keine Toten gab. Belarus hat sich praktisch zum ersten Mal von der Formel gelöst, dass die Todesstrafe nur verhängt wird, wenn es auch Todesopfer gab. Das ist der direkte Weg zu sowjetischen Praktiken, nach denen man beispielsweise aufgrund von wirtschaftlichen Vergehen erschossen wurde. Der Staat selbst politisiert dieses Thema in vielerlei Hinsicht, und man muss auf jeden Fall darauf zurückkommen.
Und natürlich ist derzeit der wichtigste Schwerpunkt die Unterstützung zur Rehabilitation und Resozialisation ehemaliger politischer Gefangener. Es gibt sehr großen Bedarf, es sind nicht einige wenige Menschen, es sind Hunderte und Tausende. Insbesondere betrifft dies ein neues Phänomen – die Ausweisung und gewaltsame Deportation aus dem Land. Diesen Menschen wurde alles genommen. Sie haben nichts mehr. Insbesondere, wenn du allein bist, ohne Familie. Sie müssen sich anpassen und das Leben ganz neu beginnen, von Null. Das ist sehr schwierig und ohne Unterstützung wäre es für sie sehr schwer. Ich bin froh, dass es außer Vjasna viele andere Initiativen und Koalitionen gibt, denn allein würden wir mit einer solchen Menge von Menschen nicht fertig werden.
Übersetzung: Julian Hasche
Quelle: https://spring96.org/ru/news/120183
Wenn Sie politische Gefangene in Belarus unterstützen oder ihnen schreiben möchten, können Sie dies hier tun: https://100xsolidaritaet.de/