Am Nachmittag des 25. September wurde Jurij Dmitriev, ehemals Leiter von Memorial Karelien, mit Verdacht auf Schlaganfall aus der Strafkolonie IK-18 in Potma (Mordwinien) in die medizinische Haftanstalt LIU-3 verlegt.
Eine Quelle hatte berichtet, er habe anfangs nicht mehr selbständig aufstehen können und zudem Koordinationsstörungen gehabt. Seinem Anwalt, der am Wochenende zunächst nicht zu Dmitriev vorgelassen worden war, gelang es inzwischen, seinen Mandanten aufzusuchen. Laut seinen Worten scheint Dmitriev einen kleinen Schlaganfall gehabt zu haben, kann aber inzwischen wieder sprechen und schreiben, seine linke Körperhälfte jedoch ist taub. Die LIU hat bislang keinerlei Untersuchungen durchgeführt. Dmitrievs Anwalt hat sich schriftlich an die Anstaltsleitung gewendet mit der Bitte, Dmitriev in eine andere medizinische Einrichtung zu überweisen, sofern eine Diagnostik in der LIU unmöglich ist.
Jurij Dmitriev, der sich mittlerweile im zehnten Jahr in Haft befindet und dessen Gesundheitszustand bereits seit längerem Anlass zur Sorge gibt, wurde in den letzten drei Monaten mehrfach in den Strafisolator gesteckt, weil er sich vor der Nachtruhe auf die Pritsche gesetzt oder angeblich seine Morgengymnastik nicht korrekt ausgeführt hatte.
Wir erinnern, dass Dmitriev aufgrund fabrizierter Beschuldigungen 2021 zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde. Vorangegangen waren mehrere Prozesse; 2018 war er zunächst freigesprochen und kurzzeitig aus der Haft entlassen worden. Hintergrund war Dmitrievs unermüdliches Engagement bei der Aufklärung stalinistischer Massenmorde in Karelien. Er war es ihm gelungen, eine Reihe von Hinrichtungsstätten ausfindig zu machen. Am bekanntesten ist die in Sandarmoch bei Medvezhegorsk, wo er maßgeblich an der Einrichtung einer Gedenkstätte mitwirkte.
Zum Motiv der Verfahren gegen Dmitriev stellte MEMORIAL International 2021 fest: „Die Entscheidung des Kassationsgerichts hat bestätigt, dass es im Verfahren gegen Dmitriev nicht um das Gesetz geht, sondern um den politischen Auftrag einer öffentlichen, unerbittlichen und unfairen Abrechnung.“