Jede Woche fährt er zur Demonstration für die Befreiung von Kriegsgefangenen, und zwar nicht das erste Jahr. Der Mann im Rollstuhl, der ständig mit seiner Umgebung scherzt und die Kinder unterhält, ist dank seines auffälligen und leicht wiederzuerkennenden Äußeren schon lange zu einem ganz eigenen Symbol dieser Veranstaltungen geworden.
"Brüderchen Vovtschick" erzählt über den Beginn des Krieges, die Besatzung Mariupols und das Leben nach der Amputation beider Beine.
Er bittet darum, ihn nur "Brüderchen Vovtschik" zu nennen und präzisiert sofort, dass er weder Vova noch Volodja heißt. "Wissen Sie, ich bin immer noch ein ziemlicher Paranoiker, deshalb mag ich es nicht, wenn man mich so oder so ähnlich nennt, wie es im Pass steht. Ich heiße schon lange Vovtschik, das bedeutet kleiner Wolf und das nahm dann so seinen Lauf", erklärt er.
Tatsächlich ist es gar kein Geheimnis, dass Vovtschik Mychajlo heißt. Mychajlo aus dem Gebiet Kyjiv nahm damals an den Protesten auf dem Maidan teil, löschte persönlich den Brand am Haus der Gewerkschaft, kehrte aber nach der Revolution der Würde nicht in sein ruhiges, bürgerliches Leben zurück. In den ersten Monaten der russischen Aggression auf der Krym und im Osten der Ukraine schloss sich Vovtschik dem damals noch Freiwilligen-Batallion "Azov" an.
Während der Anti-Terror-Operation war er an der Befreiung der Stadt Marjinka im Gebiet Donezk beteiligt und auch an den Verteidigungskämpfen im Bezirk Schyrokyno in den Vororten von Mariupol. Mychajlo hat den Dienst seit 2014 nicht verlassen und schlug den Weg vom einfachen Freiwilligen zum vollwertigen Kriegsdienstleistenden in den Reihen der Nationalgarde "Azov" ein. Die Vollinvasion traf ihn unmittelbar in Mariupol. Obwohl sich die "Azov"-Soldaten sorgfältig auf eine mögliche Verschärfung und neue Bedrohungen im Jahr 2022 vorbereitet hatten, zweifelte Vovtschik selbst bis zum letzten Moment an der Realität eines solchen Szenarios.
"Ich äußere hier ausschließlich meine persönliche Meinung. Unsere Einheit - ja, wir hatten verstärkte Übungen, eine intensive Vorbereitung, alle wussten, wenn es losgeht, wird jeder seine Aufgabe haben, seinen Sektor und so weiter. Aber ich persönlich konnte es bis zum Schluss nicht glauben: Sind die Russen wirklich zu solch' großen Verlusten bereit? Ich wusste, dass das für die Besatzer auf gar keinen Fall ein einfacher Spaziergang werden würde, dass es also große Verluste geben würde. Ich erinnere mich, was es für Diskussionen über den Afghanistan-Krieg und seine Folgen gegeben hatte. Dann erinnere ich mich noch an den Krieg in Tschetschenien, obwohl ich dazu selbst natürlich gar keinen Bezug hatte. Damals waren alle schockiert, wie viele Verluste es innerhalb einer Woche, eines Monats und so weiter gegeben hatte. Doch das war das kleine Tschetschenien, aber hier ging es um den Versuch, eines der größten Länder Europas einzunehmen... .
Ich lag richtig, was den Maßstab der Verluste angeht, aber habe mich getäuscht, was die Reaktion der Russen auf diese Verluste betrifft. Es stellte sich heraus, dass es ihnen egal ist", erinnert sich Mychajlo an seine Vermutungen und Gedankengänge.
Der Beginn der Vollinvasion war für Vovtschik äußerst hart. In den ersten Tagen des Angriffs wurde er schwer verletzt, obwohl er sich nicht unmittelbar auf Position befand. Mychajlo lenkte einen Wagen und führte logistische Aufgaben durch, als die Besatzer die Wohnregion von Mariupol, die er gerade passierte, beschossen. Das Geschoss eines Mehrfachraketenwerfers schlug nur wenige Meter von seinem ungepanzerten Fahrzeug ein, Mychajlo verlor ein Bein.
"An mehr erinnere ich mich nicht. Ich bin erst nach einigen Wochen in einem Zivilkrankenhaus in Mariupol wieder zu mir gekommen. Später wurde klar, dass mich jemand ohne meine persönlichen Sachen, ohne Uniform und Dokumente und ohne Telefon dorthin gebracht hatte. Und das hat mich gerettet. Denn als die Russen in das Krankenhaus kamen, suchten sie nach Soldaten. Aber ich war, ich bitte um Entschuldigung, nur in Unterhosen. Tätowierungen habe ich keine und hatte nie welche, und na, ja, ehrlich gesagt, war ich auch schon nicht mehr in dem Alter... . Wenn ich in Uniform gewesen wäre und mit irgendwelchen Sachen, bewusstlos, dann hätte ich diese Beweise gar nicht verbergen können", sagt Mychajlo. Bis heute, so ergänzt er, wisse er nicht, wer genau ihn gerettet, seine Sachen genommen und sie versteckt habe.
Das Krankenhaus geriet, wie der größte Teil Mariupols, relativ schnell unter Besatzung. Während in der Stadt noch furchtbare Kämpfe tobten und die Verteidiger von Mariupol heldenhaft die Industrie-Anlage "Azovstal" hielten, entwickelte sich in den zivilen medizinischen Einrichtungen eine wahre humanitäre Katastrophe.
"Viele Ärzte und Personal flüchteten, als der Krieg begann und ich kann sie sehr gut verstehen. Die Krankenhäuser waren völlig überfüllt, die Menschen lagen in den Durchgängen und Korridoren. Es gab nur noch sehr wenig medizinisches Personal, fast nichts mehr zu essen. Ein paar Mal während dieser ganzen Zeit gaben sie einfache Plastikbecherchen aus, in denen eine Kartoffel, Brühe und ein Knöchelchen waren. Aber der Hunger war nicht so groß wie der Durst. Sie fingen an, Wasser aus den Heizungsanlagen abzulassen. Wir haben das getrunken, weil es sonst einfach nichts mehr gab", erinnert sich Mychajlo an die Situation.
Mychajlo sagt, dass man alle paar Stunden hören konnte, wie die russische Luftwaffe "Azovstal" und andere Stadtteile bombardierte. Dass die Besatzer die völlige Kontrolle über den Luftraum von Mariupol hatten, entschied in vielem das Schicksal der Verteidiger.
Der permanente Beschuss wirkte sich stark auf den Schlaf aus, fehlendes Essen und Wasser führten zu einer schnellen Gewichtsabnahme bei Mychajlo. Gleichzeitig verschlechterte sich der Zustand seines noch verbliebenen verletzten Beines rapide.
"Die Besatzer liefen ständig durch das Krankenhaus und führten Verhöre durch. Ich sah, dass nicht weit von mir ein Mann mit einer ähnlichen Verletzung lag. Während sie ihn verhörten, fanden sie irgendwelche Sachen bei ihm, er gestand, dass er Soldat war, Offizier. Sie brachten ihn irgendwo hin. Kurz darauf hörte ich Schussgeräusche aus Maschinengewehren auf dem Krankenhausgelände. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der Umgebung schon lange keinen Schusswechsel mehr - keinen einzigen Schuss. Ich fragte einen von den Sanitätern, was da vor sich geht. Sie sagten mir, dass Soldaten erschossen würden, die sich im Krankenhaus befunden hatten. Persönlich gesehen habe ich das aber nicht."
Mit der Zeit begann man, die Kranken aus dem Krankenhaus in Mariupol nach Donezk zu transportieren. Dort amputierten sie auch Mychajlos zweites Bein. Während der Zeit in dem Krankenhaus durchlief er die sogenannten "Filtration", die Untersuchung durch Spezialkräfte des FSB, die auch eine Prüfung der Loyalität gegenüber den Besatzern beinhaltete. Vovtschik berichtet jedoch, dass sein Alter und die schwere Verletzung, die zweifache Amputation, geholfen haben, keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
"Ich konnte dort einen einfachen handbetriebenen Rollstuhl auftreiben. Ich fing an, in den Hof des Krankenhauses hinauszufahren und meine Gedanken drehten sich nur darum, so schnell wie möglich wieder in ukrainisch-kontrolliertes Gebiet zu kommen. Es gab äußerst wenig Informationen. Ich hatte lange überhaupt keine Verbindung, kein Telefon, nichts. Als wir noch im Krankenhaus waren, hörte ich Gespräche der Besatzer darüber, dass Kyjiv angeblich schon besetzt sei, dass es Kämpfe praktisch schon an den Rändern der Westukraine gebe und unsere Streitkräfte dort den Todesstoß bekommen würden. Aber trotzdem zirkulierten Informationen auf die eine oder andere Weise, wenn auch sehr allgemein. Und sehr schnell wurde klar, dass das nicht stimmte", erinnert sich Vovtschik.
Noch bevor seine Behandlung vollständig abgeschlossen war, besprach er sich mit Freiwilligen, die ihn in in das zerstörte Mariupol zurückbrachten. Dort begann Mychajlo, ohne Geld, Papiere und mit schweren Verletzungen einen Rettungsplan auszuarbeiten. Zu diesem Zeitpunkt (im Sommer 2022) gab es keine Verteidigung Mariupols mehr, die Stadt befand sich unter der völligen Kontrolle der Okkupanten.
"So kam es, dass ich den Prozess der Zerstörung selbst nicht gesehen habe. Ich wurde gleich zu Beginn verletzt, als es diese massiven Bombardierungen der Stadt noch nicht gab. Und genau bei einem der ersten Beschüsse hat es mich erwischt. Und danach war ich nur noch im Krankenhaus, und dann sofort in Donezk. Und erst als ich im Sommer nach Mariupol zurückkam, verstand ich, was sie mit der Stadt gemacht hatten. Man wusste am Anfang nicht mal mehr, in welcher Straße man war. Alles rundherum war vernichtet. Fast 80 Prozent war entweder vollständig oder stark zerstört. Ein unbeschädigtes Haus oder Gebäude zu finden, war sehr schwierig."
Im Sommer 2022 gab es noch die Möglichkeit mit freiwilligen Helfern den Versuch zu unternehmen, auf das Territorium des Gebiets Saporischschja zu gelangen, indem man eine Vielzahl von Kontrollpunkten der Besatzer umfuhr. Eine Garantie aber gab es nicht, und im Falle einer Festnahme von Mychajlo an den Kontrollpunkten hätte seine Enttarnung als Soldat gedroht. Trotzdem entschloss er sich, es zu versuchen.
"Ich fand Leute, die damals noch eine Ausreise in Richtung des Gebiets Saporischschja organisieren konnten. Es gab noch nicht so viele Kontrollpunkte. An den Kontrollpunkten standen die Leute von Kadyrov. Viele berichten das, und das ist die Wahrheit, sie kämpften nicht in den Schützengräben, sondern terrorisierten Zivilisten an den Kontrollpunkten und in den Städten. Ich hörte, wie einer der Kadyrov-Leute einem Mann in einem anderen Auto drohte, ihn im besetzten Gebiet Schützengräben ausheben zu lassen. Außerdem blühte bei ihnen natürlich auch die Korruption. 'Du willst am Kontrollpunkt vorbeifahren? Na, los, Geld auf die Kralle.' Und so ging es auf Schritt und Tritt."
Mychajlo sagt, dass er große Erleichterung und Freude empfand, als es ihm gelungen war, den letzten Kontrollpunkt der Besatzer zu passieren und ins ukrainisch-kontrollierte Gebiet zu gelangen, er aber lange Zeit nicht glauben konnte, dass es tatsächlich geklappt hatte. Am ukrainischen Kontrollpunkt gab es sich sofort als "Asoz"-Soldat im Dienst zu erkennen und berichtete ausführlich seine Geschichte der vergangenen Monate. Später wurden Mychajlos Dokumente erneuert und Freiwillige halfen ihm, in die Hauptstadt zurückzukehren.
In Kyjiv erwarteten Vovtschik eine Menge Operationen: In seinem Körper wurden noch Splitter gefunden, ein Teil davon befindet sich bis zum heutigen Tag noch dort. Schwierige medizinische Behandlungen, Reha, Versuche, auf Prothesen zu laufen - all' das hat Vovtschik weder gebrochen, noch ihm seinen Optimismus genommen. In diesen ersten Tagen hat mich unser "Azov-Betreuungsdienst" sehr unterstützt. Die Operationen, die Behandlung, alles haben sie für mich organisiert und mir geholfen. Und bis heute, obwohl einige Jahre vergangen sind, kann ich mich dorthin wenden und sie helfen mir schnell, wenn ich irgendetwas benötige. Die Kameraden haben sogar ein spezielles Auto besorgt, dass ich mit den Händen bedienen kann. Ich kann damit selbständig fahren, es hat eine spezielle Rampe und ich fahre mit dem Rollstuhl direkt hinein. Ich bin völlig mobil, wenn es sein muss, fahre ich durch die Stadt", erzählt Vovtschik.
Mychajlo hat auch einen elektrischen Rollstuhl bekommen, mit dem er sich über weite Entfernungen bewegen kann. Der Rollstuhl wird mit einem speziellen Joy-Stick gesteuert und von einem starken Elektromotor angetrieben. Der Akku reicht aus, um die Entfernung von zwei, drei Metrostationen und zurück zu überwinden, im Winter kann die Entfernung aber auch geringer ausfallen, der Akku entlädt sich dann schneller.
Vovtschik liebt es, im Wald zu sein, wie es sich für einen Menschen mit einem solchen Rufnamen gehört. Dafür hat er sich einen kleinen Quad angeschafft, den er ebenfalls selbst steuert. Mychajlo sagt, dass er dabei aber nichts riskiert, weil es schon vorkam, dass das Fahrzeug in Pfützen steckenblieben ist und er es eigenhändig herausziehen musste.
Neben der Teilnahme an Demonstrationen für die Freilassung von Kriegsgefangenen und den "Waldpaziergängen" hat Mychajlo auch noch eine offizielle Arbeit. Er arbeitet als Leitstellenoperator der Notrufzentrale 112. Er nimmt jetzt dringende Anrufe von Bürgern aus der ganzen Ukraine entgegen, da die 112 die einheitliche Leitstelle der Staatlichen Feuerwehr- und Rettungsbehörde, der Polizei und des Rettungsdienstes in den verschiedenen Regionen des Landes ist.
"Eine skeptische Einstellung mir gegenüber gab es nicht. Es gab eine gewisse Auswahl, wie es sich gehört. Dann die Ausbildung. Das Innenministerium hat mir sehr geholfen, sie haben den Arbeitsplatz meinen Bedürfnissen entsprechend eingerichtet. Und nicht nur den Arbeitsplatz selbst, sondern auch den Weg dorthin, das WC, die Durchgänge, alles wurde angepasst. Tatsächlich ist das ja nicht nur für mich. Leider steigt die Anzahl der Menschen im Land mit ähnlichen Verletzungen und fehlenden Gliedmaßen mit jedem Tag. Und diese Menschen fangen natürlich auch an zu arbeiten."
Mychjalo erzählt, dass es schon Fälle gab, wo ihn Menschen auf der Arbeit angerufen haben, die Zeugen russischer Angriffe auf Wohnhäuser geworden waren. Er bemerkt, dass die Erfahrungen des Kriegs in diesen Situationen nützlich sein kann: Schnell die notwendigen Informationen erfragen, den Menschen helfen, Ruhe zu bewahren und die Schlüsselinformationen an die entsprechenden Stellen und Dienste weitergeben.
Der Veteran spricht viel über Pläne und Träume. Insbesondere plant Mychajlo sich an seine ehemaligen Kommandeure zu wenden mit der Bitte, an seinem umgebauten Auto ein Zug- und Anhänge-System einzubauen. "Verstehen Sie, wenn der Kreml brennt, muss man doch Treibstoff hinbringen. Und ich bin ein guter Fahrer, ich weiß, wie viel man braucht. Also werde ich eben helfen!"
Quelle: https://khpg.org/ru/1608815382
Übersetzung: Nicole Hoefs-Brinker