Stimmen des Krieges: Ein Museum der Kindheit in unkindlichen Zeiten

Das Interview mit Valerij Lejko, Gründer des Charkiver Museums der Kindheit,  stammt von Anfang November 2025 - zwei Wochen zuvor waren russische Bomben auf das Gebäude gefallen, in dem sich außer dem Museum der Kindheit auch ein privater Kindergarten befindet.

Das Feuer und das Löschwasser haben viele Exponate zerstört. Das Interview findet in Valerijs Wohnung statt, die bis unter die Decke mit geretteten Exponaten vollgestopft ist. Valerij ist trotz allem optimistisch gestimmt, für ihn zählt, dass keines der Kinder verletzt wurde, das Museum will er unbedingt wieder aufbauen. Er erzählt von Kalligraphie-Stunden in Bombenschutzkellern, darüber, wie Spielzeuge die Zukunft von Kindern beeinflussen und warum der eine zum Arzt oder Kosmonauten heranwächst und der andere zu einem Besatzer.

 

Wie ist die Idee entstanden, ein Museum der Kindheit zu gründen?

Ich bin Pädagoge von Natur aus und vergöttere die Kindheit als eine sehr wichtige Periode im Leben eines jeden Menschen. Wenn Kinder Bücher lesen, Sport machen, die Natur lieben, die Kommunikation, wenn sie Träume haben, Münzen, Anstecker und Muscheln sammeln, dann werden sie nicht einfach nur eine interessante Kindheit haben, sondern ihre Kindheit wird Einfluss auf die Zukunft nehmen: Die Kinder werden zu Chirurgen, Offizieren, Kosmonauten, Ballet-tänzerinnen heranwachsen... .

Foto: Valerij Lejko, © KHPG
Foto: Valerij Lejko, © KHPG

 

Erinnern Sie sich an den 24. Februar 2022?

Um acht Uhr morgens habe ich einen Anruf aus dem Bildungszentrum bekommen, sie sagten: 'Wir sind mit dem Auto unterwegs, wenn du willst, komm, wir holen die wertvollsten Sachen.' Ich bin mitgefahren und ins Museum gegangen, das hat 100 Quadratmeter und mein Büro nochmal 20. Und da sind so viele Sachen! Was sollte ich als Erstes holen? Ich nahm eine Münzsammlung, eine Steinschlosspistole und Briefmarken mit. Das war alles. Und dann kam ich im Laufe der folgenden Woche und trug einfach zu Fuß einige Dinge nach Hause, weil es damals kein Benzin für die Autos gab. Auf diese Weise habe ich dann alles nach Hause geschleppt. Vom Museum bis zu mir ist es zu Fuß ungefähr eine Stunde.

 

Und das auch noch bei Beschuss?

Das kam schon vor. Ich habe das sogar gefilmt, wo es möglich war, weil es damals ja ein Verbot gab zu filmen... . Aber ich verstand, wie viele Menschen Charkiv verließen... . Ich musste etwas tun. Irgendwann am 8. März schlug direkt bei uns im Hof eine Bombe ein. Sie zerstörte bei vielen Menschen die Fenster. Da beschlossen wir, dass ich meine Schwiegermutter und meine Frau zur Grenze bringe und die beiden nach Polen zu unserem Sohn weiterfahren, ich aber hier bleiben würde, in der Ukraine . Ich fuhr dann zu Bekannten in das Dorf Sloboda bei Kolomya. Dort lebt die Familie Martschukiv, das sind auch Pädagogen. Ich war ein paar Wochen bei ihnen und sah dann aber ein, dass ich ohne Charkiv nicht sein kann.

Ich kehrte nach Charkiv zurück und schon am 20. März stieß ich auf wundersame Weise auf Menschen, die in der Metro Unterricht über die UNICEF organisierten. Und ich begann jeden Tag zu drei Orten zu gehen. Da waren ungefähr 20 Leute, die in die Metro kamen und mit Kindern arbeiteten. Der eine unterrichtete Mathematik, der andere kam mit einem Hund, unser Puppentheater kam, irgendwelche Sänger und Zauberer. Das heißt, da waren sehr viele Menschen, die einfach helfen wollten. Die Menschen organisierten sich selbst. Das gefiel mir sehr. Ich war fast drei Monate in der Metro... . Diese Arbeit ging weiter bis zum Amtsantritt von Trump, der das Alles verbot und sagte: 'Das finanziere ich nicht mehr.'

Wissen Sie, da ist ein sehr angenehmer, sagen wir mal, Meilenstein meines Lebens. Ich habe in dieser Zeit ein Buch herausgegeben. Es heißt 'Der Preis des Lächelns. Chronik des Museums der Kindheit' und ist auf zwei Sprachen erschienen, auf Ukrainisch und auf Englisch. Ich habe beschrieben, wie das alles war. Es ist sehr schön, dass ein Vertreter unseres Stadtrates dieses Buch in England an Zaluznyj übergeben hat. Und dieses Buch ist in der Bibliothek des Kongresses der Vereinigten Staaten von Amerika gelandet.

Das Buch von Valerij Lejko, Foto aus Sozialen Netzwerken
Das Buch von Valerij Lejko, Foto aus Sozialen Netzwerken

 

Haben Sie Ihre Exponate außer in die Metro auch noch woanders hingebracht?

Ich war in Luftschutzkellern, ging dorthin, wo sie mich reinließen. Es gab zum Beispiel einen Fall, da ging ich in meine alte Schule, dort hatten sehr viele Kinder Schutz gesucht. Ich sagte: 'Hört mal, ich bin Lehrer, ich kann den Kindern interessante Dinge erzählen und bringen, ihnen etwas schenken.' Das war die erste Kriegswoche, die Menschen waren derart verängstigt, dass sie zuerst dachten, ich sei irgendein Spion und sie überprüften meine Dokumente. Ich sagte: 'Eure Kinder kennen mich doch sogar!' Zweimal habe ich mich angeboten und zweimal sagten sie mir ab, so kam ich zu ihnen also nicht. Aber da war so eine Fabrik direkt in meiner Nähe, dort leben etwa sechs Familien. Und zu ihnen ging ich dann jeden Tag. Und die Kinder waren sehr zufrieden. Nach ungefähr eineinhalb Wochen gingen sie alle von dort weg. Wo war ich noch? Wenn man kein Auto hat und die Metro nicht fährt, was kann man da zu Fuß schaffen? Na ja, so fünf Kilometer, mehr nicht. Man musste ja bis um sechs Uhr abends wieder zurück zu Hause sein.  

Foto: Museum der Kindheit in einer Metro-Station in Charkiv 2022
Foto: Museum der Kindheit in einer Metro-Station in Charkiv 2022

 

Womit haben Sie versucht, die verängstigten Kinder zu unterhalten?

Ich erinnere mich an ein Mädchen in der Metro-Station Gagarin, sie war vier Jahre alt, wir nannten sie Sonetschko [kleine Sonne]. Ich brachte ihr so eine großes Spielpferd mit, auf dem man reiten konnte. Dann brachte ich ein Pony. Sehr viele mochten Baukästen, vor allem Lego. Das kam total gut an. Ich brachte ihnen so fünf Säcke Lego und sagte: 'Nehmt, macht, was ihr wollt.' Das hat ihnen sehr gefallen... . Und Roboter mochten sie auch. Und Kalligraphie erst! Ich habe ihnen einmal Kalligraphie gezeigt, ihre Namen geschrieben und ihnen einige Federn und Tinte da gelassen. Am nächsten Tag komme ich wieder und da hatten sie schon etwas von Lina Kostenko [ukr. Nationaldichtern, geb. 1930] geschrieben und 'Zapovit' [Vermächtnis] von Schevtschenko!

Zwölfjährige Mädchen hatten das sehr schön gemacht. Na ja, und sie mochten es aus sehr, wenn ich zum Beispiel mit Münzen kam. Ich habe diese Münzen in der Metro versteckt und sie sollten sie finden. Wer eine gefunden hatte, durfte sie behalten. Ich hatte so ein paar Säckchen mit Münzen, die jeweils fünf Kilo wogen, aber jetzt gibt es sie nicht mehr. Das heißt, sie sind alle weg! Ich habe die Kinder mit Spielen unterhalten, die zur Entwicklung beitragen und bei denen man nachdenken muss. Ich sagte ihnen immer: 'Der Krieg geht früher oder später zu Ende, aber eure Kindheit muss euch gehören. Und in dieser Kindheit müsst ihr auch ein interessantes Buch lesen und auch etwas zeichnen.' Ein Mädchen war da zum Beispiel, die sehr gut Churchill zeichnen konnte. Ich sagte ihnen: 'Ihr müsst euch über interessante und nützliche Informationen austauschen.' Ich war auf ihre Entwicklung konzentriert und nicht darauf, dass sie einfach nur da sitzen und mit ihren Handys spielen.

Einmal bekam ich Benzin. Ich hatte einen Wolga. Und mein Freund, Volodja hatte mir 10 Liter besorgt. Er geht also zu meinem Wolga und fängt an, das Benzin einzufüllen. Da kommt mein Nachbar mit Nunchakus angerannt! Der ist schon 85! Er sagt: 'Rühr das nicht an! Das ist das Auto von Valerij, vom Museum der Kindheit!' Er dachte, da zapft jemand was ab. Und mit diesem Auto bin ich zur Metro-Station Zachysnyk Ukrajiny [Verteidiger der Ukraine] gefahren und habe den Kindern gesagt: 'Auf geht's, wenn eure Eltern euch lassen, dann fahre ich euch jetzt einfach mit dem Auto durch die Stadt! Wir fahren einmal im Kreis und zurück zur Metro.' Sie haben ja vor allem in der Metro gehockt. Stellen Sie sich diese Kinder vor, die eine Woche unter der Erde waren und plötzlich setzt man sie in ein Auto! Das hat ihnen sehr gefallen, sie waren richtig ehrfurchtsvoll!

Und dann haben wir die Eltern mitgenommen und sind zum Museum der Kindheit gefahren. Es waren sechs Kinder und zwei Mütter. Und ich habe ihnen einen Haufen Spielzeug geschenkt. Es gab ja sehr viele Menschen, die mir einfach Spielzeug aus Geschäften gaben. Die Firma Toj-Toj hat mir etwa zehn Säcke mit modernem und teurem Spielzeug geschenkt. Ich habe das alles an die Kinder verteilt. Da war ein Mann, dessen Garage war voll bis obenhin mit modernem, schönem und verpacktem Spielzeug. Sein Geschäft wurde zerbombt und er sagte zu mir: 'Nimm's mit!' Also habe ich zwei Autoladungen mit Spielzeug ins Museum gefahren. Einmal kamen Kinder aus Pokotylivka, ungefähr 30. Ich sagte ihnen: 'Ihr könnt euch ein Spielzeug aussuchen, welches ihr wollt.' Ich habe ein Video, wie sie aus dem Museum rauskommen und jedes Kind ein, zwei Spielzeuge in der Hand hält. Sie fragten: 'Haben wir Sie auch nicht ausgenommen?' Ich antwortete: 'Nehmt sie mit, alles in Ordnung!'

 

Was sind Ihre wertvollsten Exponate und die ältesten? Gibt es welche aus dem Zweiten Weltkrieg?

Es gibt ein paar Pistolen. Wissen Sie, meine Aufgabe ist nicht zu zeigen, womit man vor ein- oder zweihundert Jahren gespielt hat. Ich zeige mit diesen Sachen, wie zum Beispiel so ein Schiff ein Kind dazu bringen kann, dass es irgendwann Kapitän oder Seemann wird oder den Ozean und das Meer erforscht und damit so eine Art ukrainischer Cousteau wird. Jedes Spielzeug, jeder Film, jedes Abzeichen, jede Münze und Briefmarke weckt bei einem Kind irgendwelche Träume und das Kind möchte dem folgen. Ich sammele Splitter von Geschossen und Raketen und zeige den Kindern, wie man Wissenschaft umdrehen kann. Man kann zum Beispiel Metall zu einer schönen Form machen, aber man kann auch Metall machen, das dann töten wird. Diese Splitter da beispielsweise sind sehr scharf. Das heißt es gab also Wissenschaftler, die das Metall absichtlich so entwickelt haben, dass es beim Zerbersten Menschen sehr schwer verletzt.

Was ist wertvoll für mich? Als wir nach einem Angriff aus den Trümmern Sachen rausgeholt haben, sagte ein Freund: 'Hör mal, du hast da aber schönes modernes Spielzeug.' Ich antwortete: 'Weißt du, das soll da noch liegen, aber diese Tripolje-Keramik, die nehme ich mit!' Was also ist wichtig? Modernes Spielzeug ist gut, aber unsere Geschichte steht an erster Stelle. Deshalb sind für mich Dinge aus der ukrainischen Geschichte das Allerwichtigste. Na ja, und dann auch Bücher, Münzen...

 

Haben die Kinder Interesse an Spielzeugwaffen?

Ja, ich habe sehr viel Spielzeugwaffen, moderne und sowjetische. Und wissen Sie, während des Krieges bemerke ich, dass Mädchen Waffen mögen. Manchmal zeige ich ihnen Waffenmodelle. Ich habe ein paar Exemplare, das waren früher scharfe Waffen, die dann unbrauchbar gemacht wurden. Und fast alle Mädchen fragen: 'Darf ich die mal halten? Darf ich mal abdrücken?' Das heißt, es interessiert sie. Aber die Jungens nicht. Ich weiß nicht, womit das zusammenhängt. Vielleicht hat der Krieg irgendwie Einfluss darauf.

 

Was vermitteln solche Spielzeuge?

Nun, das kommt darauf an, wie man es anbietet. Man kann ein guter Polizist sein, ein guter Offizier zum Beispiel, ein guter Verteidiger seiner Heimat oder aber ein Psychopath. So wie man es wendet. Diese Spielzeugwaffe bringt dem Kind zum Beispiel die Fähigkeit bei, gut zu schießen, sein Zuhause zu beschützen, sein Land, den Frieden. Und ein anderer wird eben Besatzer. Je nach dem, welches Spiel man spielt. Wenn die Russen Zarniza [Geländegewinnspiel] spielen und sie dabei irgendeinen 'Ukr' [abwertend für Ukrainer] fangen, dann ist das eine Sache. Aber wenn man auf eine kindliche Jagd geht, dann ist eine andere. Man kann es so gestalten, dass wir jetzt diesen Hasen nicht töten, weil er schön ist, den Hirsch nicht töten, weil er leben möchte und er Kinder hat...

 

Erzählen Sie von dem letzten Angriff auf das Museum.

Foto: Notfall- und Katastrophenschutzdienst der Ukraine
Foto: Notfall- und Katastrophenschutzdienst der Ukraine

 

Wenn ich gefragt werde, wie es da in Charkiv überhaupt ist, antworte ich: 'Ich habe zwei Wohnungen, neben die es einschlagen hat, und zwei Museen, die auch getroffen wurden.' Am 22. Oktober wollte ich morgens gerade ins Museum fahren. Ich hätte das Auto genau dort geparkt, wo der Einschlag war, es wäre einfach verbrannt. Aber meine Frau sagte: 'Fahr beim Markt vorbei, Milch kaufen.' Ich holte die Milch und einen Kaffee und hörte, wie eine Shahed-Drohne über den Markt flog. Ich sah, dass sie dahin flog, wo unser Museum, die Honey Academy und der Kindergarten waren. Es gab eine Explosion. Dann, buchstäblich zwei Minuten später, flog wieder eine Shahed-Drohne die Richtung. Und eine dritte! Mir war klar, dass die Explosionen dort irgendwo in der Nähe waren und man niemanden mehr dorthin lassen würde.

Dann bin ich auf einen Hügel gefahren, um zu sehen, ob sie dorthin geflogen sind oder nicht. Ich sah, dass es wahrscheinlich so war. Eine Bekannte rief mich an, ihr Sohn ging genau in diesen Kindergarten, übrigens auf meine Empfehlung. 'Valera, was ist da los bei euch?' Ich sagte: 'Ich bin gerade erst auf dem Weg dorthin.'

Ich ging hin, da war schon abgesperrt, man ließ mich nicht durch, aber ich sah, dass alles brannte. Ich verstand, dass die Exponate höchstwahrscheinlich auch schon verbrannt waren oder mit Löschwasser durchtränkt sein würden. Ich stand von etwa elf bis vier Uhr nachmittags dort, niemand wurde durchgelassen. Das Einzige, was mich irgendwie beruhigte, war, als jemand rauskam und sagte: 'Bei dir im Museum ist es im Prinzip normal. Die Schiffe stehen.' Ich dachte: 'Na ja, wenn sie stehen, bedeutet das, es geht einigermaßen.' Am nächsten Tag fuhr ich morgens wieder dorthin. Alles stand unter Wasser, alles, was aus Papier war, Bücher, Dokumente, war leider hin. Dort bildet sich ja sofort Schimmel. Aber Vieles, etwa 80 Prozent der Sachen, konnte ich retten, ich brachte sie an drei Stellen. Die Sachen sind jetzt im Warmen und warten auf ihre Sternstunde. Sehr viel Kinderliteratur ist verloren gegangen, einige alte Schallplatten leider auch. Ich hatte deutsche Zeitschriften von 1910, da waren so schöne Artikel und Fotos drin... . Sie sind völlig durchnässt. Wir versuchen, sie zu retten. Ob es gelingt, weiß ich nicht. Ich habe vor kurzem so ein ganz dickes Buch gekauft, 'Volkszählung der ersten Siedler in Charkiv'. Da stehen die Familiennamen der ersten Charkiver drin. Es war komplett nass. Und Ljudmyla, die mir hilft, hat es buchstäblich in einem Tag getrocknet. Ich habe ihr gesagt: 'Sie haben unsere Geschichte gerettet!'

 

Interview: Iryna Skatschko

 

Übersetzung: Nicole Hoefs-Brinker

 

Quelle: https://khpg.org/1608815677

 

 

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