Kostjantyn Davydenko wurde am 11. Februar 2018 in Simferopol vom FSB mit der Anschuldigung "Spionage" festgenommen. Siebeneinhalb Jahre verbrachte er in Gefangenschaft, wo man ihn physisch und psychisch folterte. In einem Lager mit strengem Regime erlitt er einen Schlaganfall und wurde gesundheitlich schwer beeinträchtigt. Am 24. August 2025 kam er im Rahmen eines Gefangenenaustauschs frei. Im Interview erzählt er seine Geschichte.
Das war am 11. Februar 2018. Sie nahmen mich in Simferopol fest. Ich ging gerade aus dem Büro meiner Gutachter-Kollegen und lief zu meinem Auto. Sie gingen auf mich los, niemand zeigte mir irgendetwas: weder Dienstausweise noch Legitimation, keinen Haftbefehl, nichts. Sie warfen mich einfach zu Boden, begannen, auf mich einzuschlagen, drehten mir die Hände auf den Rücken und legten mir Handschellen an, alles in der Art. Sie stießen mich in einen Bus und brachten mich in die Pavljuk-Straße in einen Keller.
Dort schlugen sie mich anfangs einfach, ohne jegliche Anklage, ohne Formalitäten, sie verprügelten mich einfach mehrere Stunden am Stück. Auf meine Versuche, etwas zu fragen, schrien sie mich an: "Du bist ein Bandera-Anhänger, ein Faschist, wir haben dich erwischt, wir werden dich zusammenschlagen und töten."
Sie zeigten mir keinerlei Anklage. Ich wusste, dass meine Tätigkeiten und Ansichten vielen nicht gefielen, auch unter einigen Kollegen. Denn die Gutachtertätigkeit, der ich nachging, bestätigt faktisch juristisch die Zugehörigkeit der Krym zur Ukraine. Ich nahm Dokumente nach ukrainischem Recht entgegen, führte Bewertungen nach ukrainischem Recht durch und es wurden entsprechende juristische Dokumente erstellt: entweder ein Vertrag über eine Schenkung oder ein Erbvertrag, alles nach ukrainischem Recht. Dies bestätigte juristisch, dass die Krym zur Ukraine gehört. Und diese Auffassung habe ich vertreten, ich habe sie nie zurückgehalten und hatte nie Angst, sie offen zu äußern.
Irgendwann nach ein paar Stunden, vielleicht zwei oder drei, ich weiß nicht genau, wie viel Zeit verging, während sie mich schlugen, kam dann ein Mann in Uniform. Denn diejenigen, die mich zuerst festgenommen hatten, waren in Zivil und vermummt, ohne Erkennungszeichen. Und dieser Mann in Uniform stellte sich als Hauptmann des FSB Pavel Schentjajev vor und sagte, dass ich wegen des Verdachts der Spionage für die Ukraine verhaftet sei.
Ich sagte, dass das doch absurd sei, was für eine Spionage denn? Das Maximum, was ich dort Rechtswidriges getan hatte, war unternehmerische Tätigkeit, weil ich keine Steuern in den russischen Haushalt gezahlt habe. Ich habe auf dem Gebiet der Ukraine gearbeitet, wo ich mich juristisch auch befand. Was man mir also höchstens hätte vorwerfen können, wäre Steuerhinterziehung oder Dokumentenfälschung gewesen, irgendetwas, was mit meiner realen Tätigkeit zusammenhing.
Der Hauptmann antwortete, dass ihn das überhaupt nicht interessiere und er einen Plan habe: Drei Spione im Jahr "fangen", um den Rang eines Majors zu erhalten und mit Beförderung nach Moskau zu gehen. Er sagte ganz offen, dass mein Geständnis eine Formalität sei und er das nur für seine Berichte brauche. Er sagte: "Ob du gestehst oder nicht, ist völlig egal. Du bist nun schon mal hier, hier kommst du nicht mehr raus, im besten Fall kommst du in einen Gefangenenaustausch."
Ich stimmte zu, ein Geständnis zu schreiben, weil ich verstand: Objektiv bleibt mir schon nichts mehr übrig. Sie brachten mich ein wenig in Ordnung: ich wurde gewaschen, sie wuschen Blut und Schmutz ab, weil ich auf dem Boden gelegen hatte. Sie fuhren mich in das ehemalige SBU-Gebäude in der Ivan-Franko-Straße, wo sich das Büro des FSB befand. Dort filmten sie, wie ich ein Geständnis verlas.
Danach führten sie mich in eine Isolationszelle. Ich übernachtete in der Zelle und am Morgen flogen sie mich nach Moskau. Als erstes fuhren sie mich ins Gericht, da verhängten sie das Strafmaß, eine Haftstrafe, und danach brachten sie mich ins Untersuchungsgefängnis Lefortovo.
Dort in der Aufnahmestelle schlugen sie mich wieder: teils mit einem Elektroschocker, teils traten sie mich mit den Füßen, aber nicht sehr fest. Warum? Lefortovo, das ist das Untersuchungsgefängnis der Zentralen Ermittlungsverwaltung des FSB, dort sitzen diejenige ein, gegen die Ermittlungsverfahren geführt werden. FSB-ler halten sich selbst für die Eliten, die über körperlicher Gewalt stehen. Dort foltert man psychisch: Sie lassen einen nicht schlafen, in der Einzelzelle brennt immer Licht, die ganze Zeit läuft Musik. Entweder Radio Spas oder Zvezda. An einem Tag zum Beispiel Radio Spas, Predigten von Gundjaev (russischer Patriarch Kyrill von Moskau) und kirchliche Hymnen, am anderen Tag Zvezda, Militärlieder, und das immer abwechselnd. Es gibt dort fast nichts zu essen, man kann sich nicht normal waschen. Einmal die Woche bringt man dich in den Waschraum und gibt dir ein winziges Stück Seife. Aber das ist in jedem Untersuchungsgefängnis so.
Dann brachte man mich in Etappen über Rostov und Krasnodar auf die Krym, ins Untersuchungsgefängnis Nr. 1 in Simferopol. Da war die Verhandlung. Danach ging es wieder nach Moskau zum Berufungsverfahren, dann wieder für zwei Wochen nach Simferopol, bis das Gerichtsurteil in Kraft trat.
Dann brachten sie mich in das Besserungslager Nr. 23 im Gebiet Saratov. Ich kam fast genau zu Neujahr 2019 dort an. Die nächsten fünf Jahre bis zu 10. Februar 2025 habe ich dort verbracht. In Krasnodar waren die Bedingungen am schlimmsten: eine kleine Zelle ausgerichtet für 14 Häftlinge, aber dort saßen zwischen 30 und 35 Personen, einmal sogar 54. Die hygienischen Verhältnisse waren einfach schrecklich: Wanzen, Kakerlaken, Ratten unter den Bodenbrettern. Im Lager in Saratov war das mit der Überbelegung besser, aber sie schlugen dort wesentlich heftiger zu. Einen Monat war ich im Karzer, sie zwangen mich im Kreis zu laufen und Katjuscha zu singen. Alle diese Maßnahmen dienten der Entmenschlichung und Desozialisierung.
Es gab praktisch keine medizinische Versorgung. Wegen Problemen mit den Blutgefäßen hatte ich 2023 einen Schlaganfall mitten im Lager, die rechte Gesichtshälfte war teilweise gelähmt, mit dem rechten Auge konnte ich nur schlecht sehen, mit dem rechten Ohr schlecht hören, [ich hatte] Probleme mit den Gelenken, Vitaminmangel, die Zähne fielen aus.
Nach dem Beginn der Vollinvasion wurden die Bedingungen noch schlechter, weil ich Ukrainer war und wegen "Spionage" saß. Bis zum 10. Februar 2025 hielten sie mich im Lager fest. Dann brachten sie mich nach Engels in eine Untersuchungsanstalt für Migranten, formal für eine Deportation, aber ich wurde nie deportiert, am 11. August informierte der Leiter über einen sofortigen Gefangenenaustausch.
Sie fuhren mich zum Militärflughafen nach Engels, übergaben mich der Militärpolizei und setzen mich ins Flugzeug. Obwohl meine Augen verbunden waren, sah ich unsere Jungs in Tarnuniform. Das Flugzeug hob ab und landete in Gomel (Belarus). Sie setzten uns in Busse, zählten uns durch, brachten uns an die Grenze und ließen uns raus. Da waren dann schon unsere Leute, setzten uns in ukrainische Busse und wir fuhren nach Hause.
Als ich ausgetauscht wurde, war ich sehr froh. Endlich zuhause, endlich war das alles vorbei. Ich habe sogar geweint, weil ich darauf siebeneinhalb Jahre gewartet hatte. In der ganzen Zeit haben sich meine Gefühle und Gedanken für die Ukraine nicht verändert, ich hatte nicht vor, zu fliehen. Ich wollte in die Ukraine zurückkehren.
Es war sehr bewegend zu sehen, wie die Ukrainer uns empfingen: Am Weg entlang standen Menschen aus den umliegenden Dörfern mit ukrainischen Flaggen. Das lässt sich mit Worten nicht beschreiben.
Interview: Oleksandr Vasyljev
Übersetzung: Nicole Hoefs-Brinker
Quelle: https://khpg.org/ru/1608815589