Die Rettungshundestaffel Antares in Pavlohrad wurde bereits lange vor der russischen Aggression Russlands gegen die Ukraine ins Leben gerufen und hat sich während der Vollinvasion zu einer der effektivsten Rettungs- und Suchhundestaffeln der Ukraine entwickelt. Leiterin Larysa Borysenko erzählt, wie Antares arbeitet, mit welchen Schwierigkeiten man unter den Bedingungen des Krieges konfrontiert ist und wie die Hunde zu ganz eigenen Zeugen des Krieges werden.
Die Pavlohrader kynologische Rettungs- und Suchhundestaffel Antares ist nicht nur in der eigenen Stadt, sondern auch weit über die Grenzen der Ukraine hinaus bekannt. Die Hunde dieser Staffel sind mehrfache Teilnehmer der Rettungshunde-Weltmeisterschaft und haben bereits eine ganze Reihe prestigeträchtiger Auszeichnungen gewonnen. Im Dezember 2025 erhielt ein Hund der Staffel den Titel Heldenhund der Ukraine, und das ist nicht der erste Vierbeiner aus den Reihen von Antares, der diese Auszeichnung verdient hat.
Larysa Borysenko, Leiterin der Hundestaffel, kann gar nicht gleich sagen, wie lange sie schon mit Hunden arbeitet. Die kurze Antwort ist: fast das ganze Leben, die exakte: 43 Jahre lang. Es begann noch in einem kynologischen Club in der Sowjetunion, wo Larysa mit ihrem Liebling sportliche Leistungsprüfungen absolvierte und die Besonderheiten von Dressur und Verständigung mit Hunden lernte. Alles änderte sich dann 2004, als sie bereits viel Erfahrung in der Kynologie besaß und man sie fragte, ob sie sich an der Suche von vermissten Menschen beteiligen möchte.
"Damals hatten wir keine zertifizierten und professionellen Suchhunde. Ich sagte das ganz ehrlich: Weder ich noch meine Hunde sind Experten darin. Aber die Person, die sich an mich wandte, meinte: 'Wir haben nichts zu verlieren, lassen Sie es uns versuchen.' Meine Hunde zeigten damals gute sportliche Leistungen und in diesem Sport gibt es auch die Disziplin Fährte. Wir beschlossen, es zu versuchen.
Einerseits war ich nun im Zentrum einer Tragödie, die sich in einer Familie abspielte, wo man einen Vermissten suchte, und das zu sehen war schmerzhaft. Auf der anderen Seite zeigte mein Hund fast augenblicklich Resultate: Er nahm die Fährte auf, zeigte eine ganz bestimmte Route an und lief dann sehr hartnäckig zu einer Spur, die ins Wasser führte. Später wurden Taucher gerufen, die die Leiche fanden", erinnert sich Larysa.
Obwohl diese erste Erfahrung emotional schwierig war, erkannte sie, dass sie mit ihren Hunden einen neuen Weg einschlagen wollte, und zwar nicht nur in ihrem bisherigen Sport, sondern auch als Helferin bei Sucheinsätzen. Larysa sagt, sie habe gespürt, dass fehlende Informationen und Ungewissheit möglicherweise sogar schlimmer für die Angehörigen seien, als konkrete Informationen über den Verlust eines nahestehenden Menschen.
Stand 2014, als die russische Aggression insbesondere im Osten der Ukraine begann, hatte Antares im Bereich der Suche und Rettung von Menschen schon einen weiten Weg zurückgelegt. In den ersten Wochen und Monaten schloss sich ein großer Teil der Staffel dem Schutz des Landes an der Front an. Larysa lernte später fast zufällig den Leiter der ATO [ukrainische Militär-Operation im Osten der Ukraine von 2014-2018] kennen und schloss sich unmittelbar der Initiative "Na Shchite" [auf dem Schild] an, die sich systematisch mit der Suche nach umgekommenen Verteidigern der Ukraine beschäftigt. Schon damals zeigten Larysas Hunde bedeutende Erfolge. Situationen, in denen es gelingt, einen toten Verteidiger zu finden, bezeichnet Larysa als "Rückkehr der Seele aus der Ungewissheit." Sie sagt nicht: "Unsere Hunde haben eine Leiche gefunden", sie sagt dazu: "Es ist gelungen, eine Seele zurückzuholen."
"Ich blieb, weil ich wusste, dass mein Land mich braucht." Wie die Rettungshundestaffel den Beginn der Vollinvasion erlebte
In den ersten Tagen der Vollinvasion bekam Larysa mehr als ein Dutzend Angebote von westlichen Kollegen, sie in ein europäisches Land zu evakuieren. Antares war zu diesem Zeitpunkt schon ein weithin bekannter Begriff und die Leiterin der Staffel verfügte über eine bedeutende Autorität unter anderem als Autorin von kynologischen Ausbildungsprogrammen. Larysa räumt ein, dass die Kynologie in Europa viel weiter entwickelt ist, die Spezialisten bessere Arbeitsbedingungen und eine höhere finanzielle Absicherung haben. Sie hätte zustimmen können, die Ukraine zu verlassen, was ihr eine schnelle berufliche Entwicklung, Sicherheit und finanzielle Vorteile verschafft hätte. Sowohl sie selbst als auch ihre Staffel jedoch entschieden, in der Ukraine zu bleiben. Sie sagt: "Ich wusste, dass mein Land mich braucht."
Obwohl das Team und die Hunde durch die Arbeit im Rahmen der ATO bereits Erfahrung hatte, war das Ausmaß der Aufgaben und Bedrohungen, denen Antares sich in den ersten Kriegswochen stellen musste, unvergleichlich. Larysa erinnert sich an ihren ersten Einsatz, als die Besatzer die Eisenbahn-Infrastruktur ihrer Heimatstadt Pavlohrad angegriffen hatten.
"Ich hörte Explosionen, damals war das noch sehr beängstigend. Und da sah ich einen Anruf: Auf meinem Display waren Name und Telefonnummer des damaligen Leiters des Staatlichen Rettungsdienstes der Ukraine. Mir war klar, dass wir losfahren müssen, dass dieser Moment kommen würde. Genau deshalb war ich ja geblieben, aber in diesem Augenblick hatte ich sogar Angst, ans Telefon zu gehen. Trotzdem sind wir in der Nacht aufgebrochen. Es war das erste Mal, dass wir in unserer Heimatstadt so große Zerstörungen sahen, dass wir die Plätze nicht mehr erkannten, an denen wir dutzende, hunderte Male gewesen waren. Unter diesen Bedingungen verliefen der erste und noch einige weitere Einsätze", erinnert sich Larysa.
Neben der Arbeit nach Angriffen war die Staffel auch an Einsätzen im befreiten Gebiet Kyjiv beteiligt. Larysa erinnert sich an diese Periode nur noch mit Mühe. Die Hunde von Antares suchten unter anderem die Orte ab, an denen die russischen Besatzer ihre Stützpunkte hatten und fanden gequälte und getötete ukrainische Zivilisten.
"Ich dachte, dass ich damals im Donbas schon viel gesehen hätte. Aber ich hätte mir nicht vorstellen können, was wir im Gebiet Kyjiv sehen würden. Wir gingen dorthin, wo an vielen Stellen noch zu sehen war, wie die Besatzer sich eingerichtet hatten. Dort hatten sie gegessen, geschlafen. Da lagen noch ihre übergroßen Schuhe und irgendwelche Sachen herum,- und nur 5 bis 10 Meter entfernt von den Stellen, an denen sie gehaust hatten, fanden wir die Leichen von Ermordeten. Und die lagen da nicht nur einen Tag, sondern wahrscheinlich wochenlang. Am Ende eines Arbeitstages konnten wir im Team nicht einmal mehr sprechen. Unter uns war eine professionelle Ermittlerin aus dem Gebiet Luhansk, eine Frau, die während ihrer Dienstjahre auch schon viel gesehen und sich uns dann angeschlossen hatte. Aber selbst sie war geschockt", erklärt Larysa.
Mit der Zeit wuchs die Erfahrung der Staffel und der Hunde erheblich und nun arbeitet das Team "wie ein Uhrwerk". In den Jahren 2023 und 2024 war die Rettungshundestaffel bei so gut wie allen Großangriffen auf zivile Objekte in Dnipro und Saporischschja im Einsatz. In Erinnerung geblieben ist auch der 14. Januar 2023, als eine russische Rakete in ein Wohnhaus in Dnipro einschlug und den ganzen Eingangsbereich zerstörte. Dieser Angriff führte zum Tod von 46 Menschen, darunter auch Kinder. Viele Zivilisten wurden verletzt. Dieser Angriff ist bis heute einer der blutigsten auf die Zivilbevölkerung seit der Vollinvasion nicht nur in Dnipro, sondern in der ganzen Ukraine. Antares arbeitete rund 24 Stunden an dem Haus, die Hunde markierten zahlreiche Stellen, an denen Leichen oder Körperteile von getöteten Menschen gefunden wurden.
"Wir konnten damals nicht einfach weggehen: Es hätten immer noch neue Bereiche abgesucht werden müssen. Ich erinnere mich sehr gut an diese Nacht. Ich kroch dort praktisch zusammen mit den Hunden auf den Knien über die Ruinen. Während die eine Gruppe arbeitete, lag die andere so halb schlafend daneben auf dem Boden. Und so wechselten wir uns ab. Aber wir konnten sehr viel Informationen geben."
"In den ersten Stunden war überhaupt keine Rede davon, dass ich überleben würde." Wie die Leiterin der Rettungshundestaffel nur einen Schritt vom Tod entfernt war
Die Arbeit unter ständigem Beschuss sowie auf den Gebieten, wo zuvor noch der Feind gestanden hatte oder intensive Kampfhandlungen stattfinden, stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Hunde und die Mitglieder der Staffel dar. Im März 2023 wurde Larysa Borysenko während einer Suche nach getöteten Verteidigern im Gebiet Charkiv schwer verletzt. Mehrere Stunden lang glaubten die Ärzte nicht, dass es gelingen würde, sie zu retten.
"Es war ein gewöhnlicher Einsatz. Wir sollten eine bestimmte Stelle untersuchen, an der zuvor schon andere Gruppen gesucht hatten, deshalb galt der Einsatz als relativ ungefährlich. Das war wirklich nicht die schwierigste oder gefährlichste Aufgabe, die wir je zu bewältigen hatten, das war eine Routinearbeit. Ich ließ damals den Hund los, damit er einen kleineren Graben prüft, was ihm, wie ich später erst erfuhr, das Leben rettete. Wir bewegten uns in einer bestimmten Entfernung voneinander und ich hörte einen seltsamen Laut. Ich verstand beinahe sofort, was das war, weil wir eine entsprechende Schulung durchlaufen hatten und damit vertraut waren. Aber instinktiv schaffte ich es noch zu fragen, was das für ein Geräusch sei", erinnert sich Larysa.
Einige Sekunden später erfolgte eine Explosion. Die Leiterin der Rettungshundestaffel hatte eine Anti-Personen-Stolperdrahtfalle berührt, die die russischen Besatzer zurückgelassen hatten. Larysa verlor auf der Stelle viel Blut, obwohl ihr sofort drei Tourniquets an die verletzten Gliedmaßen angelegt wurden. Die anderen Team-Mitglieder versuchten so schnell wie möglich, eine Evakuierung vorzunehmen.
"Sie transportierten mich sehr schnell, der Fahrer hielt einfach nicht an, plötzlich sah er ein Auto im Weg stehen. Er hätte es sogar gerammt, nur um nicht anhalten zu müssen. Und das hat mich schließlich gerettet. In den ersten Stunden im Krankenhaus war überhaupt keine Rede davon, dass ich überleben würde. Sie sagten meinen Kollegen: 'Wir werden alles tun, aber ihr müsst verstehen, dass die Chancen praktisch null sind.' Erst nach 5, 6 Stunden hieß es, vielleicht könnte es noch etwas werden, aber das sei kein Fakt."
Nach ihrer Verletzung durchlief Larysa einige Krankenhäuser, Intensivstationen und Abteilungen für septische Chirurgie. Die schwersten Verletzungen hatte sie an den Beinen erlitten, was ihre Gehfähigkeit stark einschränkte. In den ersten Tagen bewegte sie sich mit einem Rollstuhl, danach konnte sie mehrere Monate selbst über gerade Flächen nicht ohne Krücken laufen. Für einige Zeit war sie überzeugt, dies sei das Ende ihrer professionellen Tätigkeit. Eine langwierige Rehabilitation jedoch sowie der Drang zu ihren Hunden und Kollegen zurückzukehren brachten sie wieder in die Spur.
Im Dezember 2025 konnte Larysa Borysenko ihren Dienst in der Rettungs- und Suchhundestaffel erneut antreten und nimmt nun wieder an Einsätzen teil, trotz einer offiziell anerkannten Schwerbehinderung zweiten Grades. Larysas Hunde haben in den letzten Jahren nicht nur mehrere Hundert Tote gefunden, die zuvor viele Monaten nicht "aus der Vergessenheit zurückgeholt" werden konnten. Die Hunde haben auch mehreren Menschen das Leben gerettet.
Quelle: https://khpg.org/ru/1608815475
Übersetzung: Nicole Hoefs-Brinker