Jurij Schapovalov
100 Tage im Geheimgefängnis des MGB der „Volksrepublik Donezk“ (DNR). Urteil: 13 Jahre Kolonie im strengen Vollzug. Schläge, Scheinerschießung, gebrochene Rippen, ein kaltes Kellergeschoss – dies ist die Geschichte eines gefangenen Zivilisten, des Neurophysiologen Jurij Schapovalov, der nach sieben Jahren Haft endlich ausgetauscht wurde.
(Oleksandr Vasyljev, 16. Dezember 2025)
Ich heiße Jurij Schapovalov. Mein ganzes Leben hatte ich in Donezk verbracht. Bis 2014 arbeitete ich als Arzt im Gebietskrankenhaus. Ich war in der neurologischen Forschung beschäftigt, d. h. ich war Neurophysiologe im Zentrum für Diagnostik.
Als 2014 die russische Aggression begann, die man zuerst als einen internen Bürgerkrieg ausgeben wollte, blieb ich weiter an meiner Arbeitsstelle, und in der Freizeit leitete ich den örtlichen Kaktus-Klub. Ich reiste nicht in ukrainisch kontrolliertes Gebiet aus, obwohl ich nichts von dem akzeptierte, was sich damals in meiner Heimatstadt abspielte.
Mir war sofort klar, dass es sich hier um keinen Konflikt mit separatistischem Hintergrund handelte, sondern um eine verschleierte russische Aggression. Ich hatte ja Anfang 2014 an proukrainischen Aktionen teilgenommen, und alles mit eigenen Augen gesehen.
Ich arbeitete weiter in meinem Krankenhaus und führte parallel einen Twitter-Account, um zu schildern, was sich in meiner Stadt während der Okkupation abspielte, insbesondere auch, wie drastisch sich das Leben der Menschen verschlechterte…. Es gab Meldungen über Dinge, die ich auf den Straßen meiner Stadt gesehen hatte – etwa die Dislozierung von Militärtechnik und Soldaten.
Ich teilte mit, wo ich Explosionen und Schüsse hörte. Gerade das wurde der Anlass für meine Festnahme durch die selbsternannte Regierung der „Volksrepublik Donezk“ (DNR). Am helllichten Tag schleuderte man mich auf den Boden, schlug mir das Mobiltelefon aus der Hand, fesselte mir die Hände auf dem Rücken mit einem Plastikband, zog mir einen Sack über den Kopf und stieß mich in ein Auto.
Sie brachten mich zum so genannten MGB der „Volksrepublik Donezk“ (DNR) – ins Ministerium für Staatssicherheit, wie sie es nannten. Das war nicht weit von meiner Arbeit entfernt. Dort begannen die wahrscheinlich schwersten Stunden, die Verhöre mit Gewaltanwendung, d. h. mit Schlägen.
Sie verhörten und verprügelten mich mehrere Stunden am Stück. Zunächst in einem Raum, dann brachten mich in einen anderen, in ein anderes Stockwerk, setzten mich vor einem Tisch auf die Knie mit der Anweisung, mich mit den Ellbogen auf den Tisch zu stützen. Die ganze Zeit hatte ich einen Sack über dem Kopf. Ihr Team löste sich ab – nach einem Team kam später ein anderes. Alle stellten dieselben Fragen: Für wen ich arbeitete, wer mein Kurator sei, wieviel man mir dafür bezahle.
Dabei wurde ich die ganze Zeit geschlagen, auf den Kopf, auf den Brustkorb. Außerdem führten sie eine Scheinerschießung durch – sie setzten eine Pistole auf den Hinterkopf, zogen ab und sagten: „Oh, hat nicht geklappt“. Das machten sie auch mit dem Knie, sie drohten, in die Kniekehle zu schießen. Und pausenlos Schläge, das war das Schlimmste. Danach zwangen sie mich, irgendein Papier zu unterschreiben, und am selben Tag brachten sie mich nach Hause. Es war bereits tief in der Nacht, meine Mutter schlief schon.
Zu Hause beschlagnahmten sie „materielle Beweismittel“ – Notebook, Tablet, sie änderten alle Passwörter und Zugänge zu sozialen Netzen und E-Mail-Adressen. Danach brachten sie mich in die „Isolation“. Das ist ein berüchtigtes Geheimgefängnis des MGB. Früher befand sich darin eine Fabrik für Isolationsmaterialien, die aber schon vor längerer Zeit geschlossen wurde. Später wurde dort ein Kulturzentrum eröffnet, ein Treffpunkt für Künstler und Kulturschaffende. Nach 2014 wurde es besetzt und zu einem Geheimgefängnis der „DNR“ gemacht, einem richtigen Konzentrationslager. Dort kam ich ins Kellergeschoss.
Die Zelle war recht groß, etwa 5 mal 10 Meter, offenbar ein ehemaliger Luftschutzkeller. Tageslicht gab es nicht, nur eine Glühbirne brannte. Es gab weder Wasser noch eine Wasserleitung oder Kanalisation. Die ganze Zeit brummte der Ventilator. Es war sehr kalt, es gab auch keine Heizung, und es war Januar. Wir schliefen nicht auf einzelnen Pritschen, sondern auf einer durchgehenden Liege aus Holz, auf der Matratzen lagen. Man war unter ständiger Videoüberwachung. Tagsüber durfte man nicht auf den Matratzen liegen, nur sitzen oder stehen. Außerdem zwang man uns, im Gleichschritt zu marschieren und das Lied: „Vstavaj, strana ogromnaja“ zu singen („Erhebe dich, du großes Land“ – patriotisches Lied aus dem 2. Weltkrieg).
Wasser wurde uns in einem 50-Liter Plastikeimer gebracht, nutzen konnten wir den nur mithilfe einer Plastikflasche mit einem kleinen Loch im Deckel. Und da, über einem Plastikeimer (ursprünglich einem Farb-Eimer) wuschen wir uns, putzen uns die Zähne und wuschen unsere Socken. So war das.
Als ich dorthin kam, merkte ich gleich, dass man mir möglicherweise die Rippen gebrochen hatte. Meine Zellkameraden wollten mir einen Verband anlegen. Ich lehnte das ab, aber nach ein bis zwei Tagen, als die Muskeln nachgaben, spürte ich die Knochensplitter und stellte fest, dass die Rippen tatsächlich gebrochen waren. Die Jungs trieben ein altes T-Shirt auf und legten mir einen Verband um den Brustkorb an, in dem ich dann einige Wochen herumlief.
Als ich die Möglichkeit hatte, die Hosen auszuziehen und mir meine Beine anzusehen, bekam ich einen Schreck. Sie waren von oben bis unten auf der Außenseite komplett schwarz, ein einziger blauer Fleck. Links gingen das dann von selbst weg, rechts wurde es schlimmer, ich vermutete, das sei Thrombophlebitis, weil das Bein anschwoll. Aber auch das verschwand mit der Zeit ohne Behandlung. In der „Isolation“ verbrachte ich genau 100 Tage.
In dieser Zeit kamen einmal MGB-Mitarbeiter zu mir, und mehrere Male zitierten sie mich zu Verhören ins MGB, man brachte mich mit dem Auto dorthin. Während dieser Vernehmungen wurde ebenfalls physische Gewalt angewendet, allerdings nicht so intensiv wie am ersten Tag.
Es gab noch folgenden Vorfall: Als man von mir verlangte, etwas zu unterschreiben, womit ich nicht einverstanden war, zogen sie mir eine Plastiktüte über den Kopf und zogen sie am Hals zusammen. Als ich kaum noch atmen konnte, sagte ich: „Gut, ich unterschreibe alles, was Sie wollen.“
Man beschuldigte mich der Spionage für die Ukraine. Als sie die Akte dem Staatsanwalt übergaben, bekamen sie sie wieder zurück, es hieß, es fehle noch ein Artikel. Sie nahmen das Verfahren für drei Tage wieder auf und fügten der Spionage noch den Punkt „Versuchte Spionage“ hinzu. Eine seltsame Kombination. Für den einen Artikel beantragte der Staatsanwalt zwölf Jahre, für den anderen zehn. Zusammen kamen 14 Jahre heraus, und die Richterin und gab mir „aus Mitleid“ nur 13 Jahre Freiheitsentzug im strengen Vollzug.
Nach zwei Monaten, etwa am 16. oder 17. Juni, wurde ich von der Untersuchungshaft in Donezk in die Strafkolonie von Makijivka gebracht. Dort saß ich die ganze Zeit ab bis zur Freilassung
Die Freilassung war für uns unerwartet. Über den Austausch informierte man uns an dem Tag, an dem wir abgeholt wurden. Das war beim Morgenappell, der täglich um 9 Uhr stattfindet. Sie verlasen die Liste. Wir hatten etwa eine halbe Stunde, um unsere Sachen zu packen, man führte uns in eine andere, leere Baracke, wo sie uns fotografierten und durchsuchten.
Dann wurden wir in einem Polizeibus nach Rostov gebracht. Auf einem dortigen Militärflugplatz setzten sie uns ins Flugzeug. Das erfolgte mit ziemlich rauen Methoden. Die Augen wurden mit Klebeband verbunden und die Hände auf dem Rücken gefesselt. Vielleicht hatte ich den Aufseher verärgert, der das machte. Er wollte, dass ich die Brille abnehme und in die Tasche stecke. „Lieber in meine Jackentasche“, sagte ich und sah ihn an. Er war ohne Maske und schrie mich gleich an: „Nicht hinsehen!“. Mit aller Kraft zog er meine Hände zusammen. Ich spürte, wie sie taub wurden, und danach brannten sie wie Feuer.
Das Flugzeug landete auf einem Flugplatz. Jemand sagte, das sei vielleicht bei Moskau. Ich weiß es nicht. Wir kamen in ein geräumiges Gebäude, in einen Hangar. Da standen wir die ganze Nacht neben unseren Taschen. Uns zu setzen oder hinzulegen war verboten. Es gab nichts zu essen und nichts zu trinken. Einige von uns wollten auf die Toilette, das wurde auch nicht gleich erlaubt. Später ließ man jeweils zehn Personen zu diesem Zweck raus auf die Wiese.
Wir hörten, wie noch weitere Flugzeuge denselben Platz anflogen Wahrscheinlich von anderen Standorten, aus Russland. Alle, die für den Austausch vorgesehen waren, wurden hierhergebracht. Daher blieben wir bis zum Morgen hier. Es war sehr kalt in diesem Gebäude.
Morgens kamen wir in ein anderes, größeres Flugzeug. Da waren wenigstens Bänke, wir konnten uns hinsetzen. Wir flogen nach Gomel, in Belarus. Die ganze Zeit nahmen sie uns weder die Augenbinde noch die Fesseln von den Händen ab, dies geschah erst unmittelbar vor dem Aussteigen in Gomel. Da warteten belarusische Busse, und es gab Pakete mit Essen und Wasser.
In diesen Bussen wurden wir unmittelbar an die Grenze gebracht, zum Austauschpunkt. Dort hörten wir endlich Ukrainisch und sahen ukrainische Fahnen, es kamen Mitarbeiter des Koordinationsstabs, die uns begrüßten. Es begann ein neues Leben. Wir spürten, dass das alles jetzt wirklich zu Ende war, das war die wirkliche Befreiung.
Das war sehr emotional. Auf dem Weg nach Tschernihiv begrüßten uns die Menschen am Straßenrand. Sie kamen mit ukrainischen Flaggen heraus. Das hat uns wirklich sehr bewegt.
So verlief unser Austausch. Ich möchte jedoch unbedingt darauf hinweisen, dass nicht alle Menschen freigekommen sind. Es sind noch Gefangene dortgeblieben, die schon seit 2018 oder 2017 in Haft sind, ja sogar noch jemand seit 2015.
Einige von denen, die jetzt immer noch dort sind, haben mir gesagt, dass sie den Austausch von 2019 erlebt haben. Damals kamen fast alle frei, aber einige eben auch nicht, und für diese war das ein Schock den sie nur schwer verwinden konnten. Und jetzt mussten einige von ihnen dasselbe nochmals durchmachen: Wir kommen frei, und sie bleiben zurück. Ich habe immer noch ihre Gesichter vor Augen.
Da sind ganz unterschiedliche Personen. Unter ihnen sind wirkliche Patrioten, mit proukrainischer Einstellung. Ihre Fälle sind unterschiedlich, aber sie alle tun mir sehr leid. Sie müssen unbedingt da herausgeholt werden und auf jeden Fall freikommen.
Übersetzung aus dem Ukrainischen: Vera Ammer
Quelle: https://khpg.org/1608815341
Video (ukrainisch): www.youtube.com/watch?v=HjDD9D-3MrE&embeds_referring_euri=https%3A%2F%2Fkhpg.org%2F&source_ve_path=OTY3MTQ