2016-2020. Chronologie

  1. Dezember 2016

In einem anonymen Brief an die Sicherheitsorgane wird berichtet, Dmitriev mache Fotos von seiner elfjährigen Pflegetochter in unbekleidetem Zustand. Zwei Fotos sind beigelegt. Der anonyme Schreiber fordert „Maßnahmen“ gegen Dmitriev. Weder die Ermittlung noch das Gericht haben Versuche unternommen, um den Schreiber ausfindig zu machen, er ist bis heute unbekannt.

  1. Dezember 2016

Der Revierpolizist lädt Dmitriev vor, um Formalitäten im Zusammenhang mit seinen Jagdgewehren zu klären. Am Tag darauf verbringt Dmitriev vier Stunden im Polizeirevier. Nach seiner Rückkehr stellt er fest, dass jemand in der Zwischenzeit in seiner Wohnung gewesen ist.

  1. Dezember 2016

Jurij Dmitriev wird ein seiner Wohnung in Petrozavodsk festgenommen.

Bei einer Haussuchung wird in seinem Computer ein Ordner mit Fotos seiner Pflegetochter gefunden. Nach Aussage Dmitrievs und anderer Familienmitglieder hat er die Fotos angefertigt, um den Gesundheitszustand des Kindes zu dokumentieren. Seine Pflegetochter ist von Vertretern der Aufsichtsorgane von der Schule in ein Rehabilitationszentrum gebracht worden, ohne jemanden in der Familie des Mädchens zu informieren.

  1. Dezember 2016

Die ältere Tochter Dmitrievs Jekaterina besucht das Mädchen im Rehabilitationszentrum. Das Kind ist verschreckt, fragt nach dem Vater und möchte nach Hause zurück. Jekaterina verspricht, das Mädchen zu sich zu nehmen, aber am selben Tag wird ihr mitgeteilt, dass die Ermittlung ihr sogar Treffen mit der jüngeren Schwester untersagen. Seit diesem Tag haben sich die Schwestern nicht mehr gesehen.

  1. Dezember 2016

Gegen Dmitriev wird Anklage erhoben nach 242,2 Absatz 2, Punkt c (2) StGB („Missbrauch von Minderjährigen zum Zweck der Anfertigung pornographischer Aufnahmen und Gegenstände“). Dmitriev wird in Untersuchungshaft genommen, angeblich um zu verhindern, dass er auf seine Pflegetochter Druck ausübt. Seit dem 13. Dezember 2016 hat er sie nicht mehr gesehen, er hatte keine Möglichkeit mit ihr zu sprechen oder ihr zu schreiben.

  1. Dezember 2016

Die Betreuung des Mädchens wird seiner Großmutter Valentina Frolenkova übertragen. Früher hatte man ihr die Betreuung verweigert. Der Mutter des Mädchens war das Erziehungsrecht kurz nach seiner Geburt entzogen worden.

Januar 2017

Dmitrievs Pflegetochter wird vernommen und medizinisch sowie psychiatrisch untersucht. Bei den Verhören berichtet sie von keinerlei auffälligem oder unangenehmen Verhalten Dmitrievs ihr gegenüber. Das Ermittlungsgutachten stellt keinerlei medizinische und psychologische Störungen fest, die auf eine gewaltsame oder unsittliche Handlung gegenüber dem Kind schließen ließen. Nach den Ermittlungsprozeduren kommt das Mädchen zur Großmutter, die in einem abgelegenen Dorf in Karelien übergeben (etwa 600 km von Petrozavodsk entfernt).

Februar 2017

Das Mädchen schreibt an Jurij Dmitriev:
„Lieber Papa, ich sehne mich sehr nach Dir. Ich hoffe sehr, dass sie Dich bald freilassen. Bei mir ist alles in Ordnung, in der Schule bin ich gut. Alles Gute zu Deinem Geburtstag! Wie geht es Dir dort? Schreib, wenn es geht. Ich liebe Dich von ganzem Herzen. Deine Tochter.“

  1. April 2017

Dmitrievs Anwalt Viktor Anufriev reicht beim Stadtgericht von Petrozavodsk Klage gegen zahlreiche Verfahrens-Verstöße der Ermittlung ein, so bei der Begutachtung der Fotos und der Auswahl der damit betrauten Organisation, sowie der Information des Anwalts und des Angeklagten über die Ergebnisse. Der Antrag, ein alternatives Gutachten in Auftrag zu geben, war abgelehnt worden. Ebenso wenig hatte man den Anwalt informiert, welche Aufnahmen Gegenstand der Untersuchung sein sollten.

  1. April 2017

Das Stadtgericht von Petrozavodsk lehnt es nach einer Prüfung ab, die Klage des Anwalts zu den Akten zu nehmen. 

  1. April 2017

Dmitriev wird in folgenden Punkten angeklagt:

  • nach 242,2 Abs. 2 c (2) StGB der RF (Missbrauch von Minderjährigen zum Zweck der Anfertigung pornographischer Aufnahmen und Gegenstände) auf Grund eines Fotos vom Juni 2012.
  • nach Art. 135 des StGB der RF vom 8.12.2003 Nr. 162-F3 vom 21.7.2004 Nr. 73-F3 (Unsittliche Handlungen ohne Gewaltanwendung durch eine Person, die das 18. Lebensjahr vollendet hat, gegenüber einer Person, die das 16. Lebensjahr noch nicht vollendet hat) auf Grund von vier Fotos vom Januar 2009.
  • nach Art. 135 Abs. 3 in der Fassung vom 27.12.2009 Nr. 377-F3 (Unsittliche Handlungen ohne Gewaltanwendung durch eine Person, die das 18. Lebensjahr vollendet hat, gegenüber einer Person, die das 12. Lebensjahr noch nicht vollendet hat) auf Grund von vier Fotos von Juli 2010.
  • nach Art. 222 Abs. 1 (Unerlaubte Aufbewahrung von Teilen einer Schusswaffe – in Dmitrievs Haus waren Bestandteile eines Jagdgewehrs mit abgesägtem Lauf entdeckt worden, das er seinerzeit draußen gefunden hatte).

Drei Anklagen (nach Art. 242.2, Abs. 2 c, nach Art. 135 in zwei früheren Fassungen) wurden auf Grund eines Gutachtens erhoben, das im Auftrag der Ermittlung durch Experten des „Zentrums für soziokulturelle Gutachten“ durchgeführt worden war (von der Pädagogin und Mathematikerin N. Krjukova, der Kunsthistorikerin E. Borejscha-Pokorskaja und dem Kinderarzt Z. Tarasov). Von den vorgelegten 239 Familienfotos, die in Dmitrievs Computer gespeichert waren, wurden neun ausgewählt, die in drei Anklagepunkten als Beweismaterial fungierten.

  1. April 2017

Jelena Askerova, Staatsanwältin von Petrozavodsk, bestätigt die Anklage gegen Dmitriev. Die Akte geht ans Gericht.

  1. Mai 2017

Das Stadtgericht von Petrozavodsk verhandelt den Antrag von Anwalt Anufriev, die Ergebnisse des Gutachtens nicht zum Verfahren zuzulassen, da es mit zahlreichen Unregelmäßigkeiten einherging. Dem Antrag wird nicht stattgegeben.

  1. Mai 2017

Präsentation der elektronischen Ausgabe der Bücher Dmitrievs: „Ich pomnit Rodina. Kniga pamjati Karel’skogo naroda“[Das Vaterland gedenkt ihrer. Gedenkbuch des karelischen Volks] und „Krasnyj bor“, die er bereits in Haft fertig gestellt hat.

  1. Juni 2017

Beginn des Prozesses. Das Stadtgericht von Petrozavodsk und das Oberste Gericht von Karelien lehnen die Anträge auf eine wiederholte Begutachtung der Fotos ab, auf denen die Anklage basiert. Sie halten das vorliegende Gutachten für ausreichend.

  1. Juni 2017

Als Experte wird Lew Schtscheglov vorgeladen, Professor für Medizin und Präsident des nationalen Instituts für Sexualkunde. Seiner Auffassung nach stellen die Fotos, die Dmitriev zur Last gelegt werden, kein pornographisches Material dar. Das Gutachten des“ Zentrums für sozialkulturelle Gutachten“ halte einer professionellen Kritik nicht stand. Das Gericht nimmt seine Beurteilung zu den Akten.

  1. Juli 2017

Das Menschenrechtszentrum Memorial erklärt Jurij Dmitriev zum politischen Gefangenen, nachdem es alle zugänglichen Informationen zum Verfahren untersucht hat, und fordert eine Einstellung des Verfahrens.

  1. August 2017

Der Gedenktag in Sandarmoch wird zum zwanzigsten Mal begangen und erstmals ohne Jurij Dmitriev. Regierungsvertreter der Republik Karelien oder der städtischen Administration von Medvezhegorsk bleiben der Gedenkveranstaltung fern.

  1. September 2017

Ein weiteres Gutachten über die Fotos wird in Auftrag gegeben. Damit betraut wird die Bundesabteilung für „unabhängige Gerichtsgutachten“ in St. Petersburg.

  1. Dezember 2017

Das zweite Gutachten stellt in den Aufnahmen, die Dmitriev zur Last gelegt werden, keinerlei Merkmale von Pornographie fest. Eine umfassende psychiatrische Expertise im Serbskij-Zentrum, dem Staatlichen Zentrum für soziale und Gerichtspsychiatrie, wird angeordnet.

  1. Dezember 2017

Jurij Dmitriev wird für das psychiatrische Gutachten nach Moskau gebracht.

  1. Januar 2018

Das Serbskij-Zentrum in Moskau schließt das psychiatrische Gutachten ab.

  1. Januar 2018

Jurij Dmitriev wird aus der Untersuchungshaft entlassen unter der Auflage, seinen Wohnort nicht zu verlassen.

  1. Februar 2018

Das Ergebnis des psychiatrischen Gutachtens wird bekannt gegeben. Bei Dmitriev wurden keinerlei Anomalien oder Abweichungen in seiner Gesundheit oder im Verhalten festgestellt.

  1. März 2018

Die Pflegetochter Dmitrievs vollendet ihr 13. Lebensjahr. Verwandte und Freunde gratulieren ihr telefonisch und schriftlich, so die ältere Schwester Jekaterina Klodt, ihre Patin Olga Kersina, Freundinnen – Studentinnen der Moskauer „kinoschkola“ Alexandra und Olga Kononova, die sie auf Expeditionen, an denen Dmitriev teilgenommen hatte, kennengelernt hatten. Das Mädchen freute sich und tauschte sich gerne mit den Freundinnen aus. Alle Gespräche wurden mit Erlaubnis der Großmutter, ihrem offiziellen Vormund, geführt.

  1. März 2018

Jelena Askerova, die Staatsanwältin von Petrozavodsk, beantragt für Dmitriev eine Haftstrafe von neun Jahren strengen Regimes.

  1. April 2018

Die Richterin Marina Nosova spricht Dmitriev von den Anklagepunkten frei, pornographische Materialien mit Minderjährigen angefertigt sowie unsittliche Handlungen ohne Gewaltanwendung begangen zu haben. Für unerlaubten Waffenbesitz wird er zu zwei Jahren und sechs Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Nach der Untersuchungshaft verbleiben davon noch drei Monate. In dieser Zeit dürfte der Historiker die Stadt nicht verlassen.

Anfang April 2018

Unmittelbar nach dem Freispruch unterbindet Valentina Frolenkova, Großmutter und Betreuerin von Dmitrievs Pflegetochter, jeglichen weiteren Kontakt zu Familie und Freunden Dmitrievs und nimmt keine Anrufe und Briefe mehr an, obwohl zuvor regelmäßiger Kontakt bestanden hat. Das Telefon wird abgeschaltet, Briefe werden ignoriert, von dem Mädchen kommen keine Nachrichten mehr.

  1. April 2018

Staatsanwältin Jelena Askerova legt Berufung gegen den Freispruch ein. Zugleich ficht auch Valentina Frolenkova das Urteil an.

  1. Mai 2018

Jurij Dmitriev erhält für seinen historischen Beitrag zum Schutz der Menschenrechte den Preis der Moskauer Helsinki-Gruppe. Das Gericht gestattet ihm die Fahrt nach Moskau, so dass er an der Preisverleihung teilnehmen kann.

  1. Mai und 6. Juni 2018

Dmitrievs Pflegetochter wird durch den Ermittler Maxim Savazkij im Beisein der Betreuerin und eines Psychologen einem intensiven Verhör unterzogen (obwohl die Ermittlungen schon längst abgeschlossen sind). Unter dem Druck des Ermittlers, der obszöne Fragen stellt, wird sie zu Tränen und schließlich zu der Aussage gebracht, es fühle sich entehrt. Das Verhör wurde aufgezeichnet (Video).

  1. Juni 2018

Das Oberste Gericht Kareliens hebt das Urteil des Stadtgerichts von Petrozavodsk in allen Punkten auf. Es beruft sich auf das Verhör des Mädchens (das als „Gespräch“ bezeichnet wird) sowie auf Aussagen der Großmutter. Dmitriev wird zu Hause belassen unter der Auflage, den Ort nicht zu verlassen.

  1. Juni 2018

Dmitriev will das Grab einer kürzlich verstorbenen Bekannten und das Alexander-Svirskij-Kloster aufsuchen und verlässt zu dem Zweck Petrozavodsk. Am selben Tag wird er wegen Verstoßes gegen die Auflage, den Ort nicht zu verlassen, festgenommen.

  1. Juni 2018

Das Ermittlungskomitee leitet ein neues Strafverfahren nach Art. 132 StGB, Abs. 4 b ein (gewaltsame sexuelle Akte gegenüber einer Person, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet hat). Grundlage der Anklage wird die Gesprächsaufzeichnung mit dem Mädchen, die zuvor schon als Grund für die Aufhebung des Freispruchs gedient hatte. Dmitriev wird verhaftet und bis zum 26. August in die Untersuchungshaftanstalt von Petrozavodsk verbracht

  1. Juli 2018

Jurij Dmitriev wird nach Petersburg gebracht zwecks Durchführung einer umfassenden sexologisch-psychiatrischen Gerichts-Expertise (bereits der dritten, wenn man die Gutachten vom ersten Verfahren mitrechnet). Sie wird im Staatlichen Krankenhaus für Psychiatire Nr. 6 von St. Petersburg durchgeführt.

  1. August 2018

Der Gedenktag in Sandarmoch findet zum 21. Mal statt, erneut ohne Jurij Dmitriev. Es wird nicht nur eine Gedenkaktion, sondern auch eine der Solidarität für ihn, der wiederum im Gefängnis sitzt.

  1. August 2018

Nach Abschluss der Expertise wird Dmitriev zurück nach Petrozavdosk gebracht.

  1. August 2018

Gerichtsverhandlung. Die Haft wird bis zum 26. Oktober verlängert. Das Gericht erklärt die Voruntersuchungen für das neue Verfahren vom 25. Juni für abgeschlossen.

25.-31. August 2018

Die russische Gesellschaft für Militärgeschichte (RVIO) führt Ausgrabungen auf dem Gebiet der Gedenkstätte Sandarmoch durch. Gesucht werden „Grabstätten von Häftlingen finnischer Konzentrationslager sowie von Rotarmisten, die im Kampf gegen die finnischen Besatzer in Karelien 1941-1944 gefallen sind“ (eine Darstellung, die Dmitriev schon vor seiner ersten Verhaftung für haltlos erklärt hat). Die Ausgrabungen erfolgen ohne vorheriges Gutachten und ohne jegliche Begründung. Die sterblichen Überreste von fünf Personen werden ausgegraben.

  1. August 2018

In einem Brief fordern Angehöriger der Opfer, die in Sandarmoch in den 1930er Jahren erschossen wurden, die Ausgrabungen einzustellen, die das Gesamtbild der Gedenkstätte beeinträchtigen und die Totenruhe der Ermordeten ohne hinreichende Begründung stören.

  1. September 2018

Pressekonferenz zu den Ergebnissen der Ausgrabungen. Daran beteiligte Personen sind nicht vertreten. Die Ergebnisse der Analyse der sterblichen Überreste und der aufgefundenen Gegenstände werden nicht bekanntgegeben.

  1. Oktober 2018

Das neue Verfahren gegen Dmitriev wird mit den alten Anschuldigungen, von denen er schon freigesprochen worden war, zu einem Verfahren zusammengelegt.

  1. Oktober 2018

Jelena Askerova, die Staatsanwältin von Petrozavodsk, die den Freispruch zugelassen hatte, tritt unvermittelt von ihrem Posten zurück.

  1. November 2018

Die Personalkommission beim Präsidenten der RF lehnt eine Kandidatur Marina Nosovas, die Dmitriev freigesprochen hatte, als Richterin des Obersten Gerichts Kareliens ab. Nach zwölf Jahren Tätigkeit als Stellvertretende Vorsitzende des Stadtgerichts von Petrozavodsk wird sie auf die Stellung eines gewöhnlichen Richters degradiert.

  1. November 2018

Viktor Anufriev, Dmitrievs Anwalt gibt die Resultate des sexologisch-psychiatrischen Gutachtens vom Sommer bekannt: Bei Dmitriev wurden keinerlei (psychologische, psychische oder sexuelle) Anomalien festgestellt (was mit den Ergebnissen der ersten beiden Gutachten übereinstimmt).

  1. Dezember 2018

Alexandra und Olga Kononova wollen ihre Freundin, Dmitrievs Pflegetochter, in ihrem jetzigen Wohnort besuchen, wo sie bei ihrer Großmutter lebt. Sie treffen das Mädchen auf dem Schulweg, aber dieses lehnt den Kontakt ab. Alexandra dokumentiert die Begegnung in einem Animationsfilm.

  1. Dezember 2018

Erste Gerichtsverhandlung zum neuen Verfahren mit Alexander Merkov als Richter.

Die Anklage stellt die Materialien des Verfahrens vor. Dmitriev bestreitet seine Schuld erklärt in allen Punkten.

  1. Juni 2019

Zweite Pressekonferenz zu den Ausgrabungen von 2018 in Sandarmoch. Sergej Verigin, einer der Verfechter der These von finnischen Erschießungen in Sandarmoch, erklärt, dass Überreste von Personen exhumiert wurden, die von Finnen erschossen worden seien, obwohl die Untersuchungen keine eindeutigen Schlussfolgerungen zulassen. Weitere Ausgrabungen sollen folgen.

  1. Juli 2019

Pressekonferenz von Memorial International: „Sandarmoch 2019 – was wird aus der Gedenkstätte“. Forscher und Freiwillige nehmen teil, die sich mit der Geschichte des Orts und dem Gedenken an die NKVD-Opfer befassen.

12-21. August 2019

Zweite Expedition der RVIO (Russische Gesellschaft für Militärgeschichte). Aus elf Gruben werden die Überreste von 16 Menschen ausgegraben. In dem diesbezüglihen Auftrag des Kulturministeriums der Republik Karelien an die RVIO heißt es zur Begründung: „Die Spekulationen um die Geschehnisse im Waldstück Sandarmoch schaden dem internationalen Ansehen Russlands, sie verankern im öffentlichen Bewusstsein ein unbegründetes Schuldgefühl vor angeblich verfolgten Vertretern ausländischer Staaten und leisten unberechtigten Angriffen gegen unseren Staat Vorschub. Darüber hinaus stärken sie regierungsfeindliche Kreise in Russland.“

  1. Oktober 2019

Erklärung von über 200 russischen Wissenschaftlern, Schriftstellern und Kulturschaffenden zum Verfahren gegen Dmitriev: „Für niederträchtige Ziele wird das Schicksal eines Kindes zerstört…“

  1. November 2019

Das Projekt „Sandarmoch“ (Gedenken an die 1937-38 im Waldgebiet von Sandarmoch ermordeten Personen und die Suche nach ihren Grabstätten) wird mit dem Gajdar-Preis ausgezeichnet. Jurij Dmitriev, der „Entdecker“ von Sandarmoch, ist einer der Preisträger.

15., 20., 28. Januar 2020

In Moskau, Petersburg und Petrozavodsk wird das neue Buch von Jurij Dmitriev präsentiert: „Mesto pamjati Sandarmoch“ (Gedenkort Sandarmoch, Redakteur Anatolij Razumov), das er in der Untersuchungshaft fertiggestellt hat.

  1. Februar 2020

Die angesetzte Gerichtsverhandlung wird wegen Dmitrievs Erkrankung verlegt. Er hat eine starke Erkältung und hohes Fieber, das sich über eine Woche hält.

  1. März 2020

Sitzung des Gerichts, die Untersuchungshaft wird bis zum 25. Juni 2020 verlängert. Der Prozess wird wegen des Coronavirus angehalten.

  1. März 2020

Anwalt Anufriev legt Berufung ein gegen die Ablehnung des Antrags auf Aussetzung der Untersuchungshaft wegen des Coronavirus (im Hinblick auf Dmitrievs Alter und angegriffenen Gesundheitszustand).

  1. April 2020

FIDH startet eine Kampagne für die Freilassung inhaftierter Menschenrechtler und führt in der Erklärung auch Jurij Dmitriev an.

  1. April 2020

Eine Erklärung des Europäischen Dienstes für Auswärtige Beziehungen zu Dmitriev wird veröffentlicht, in der es heißt: „Wir rufen die russischen Behörden dazu auf, den Fall Dmitriev zu revidieren, sein Alter und seinen Gesundheitszustand in dieser insgesamt für die Welt schwierigen Zeit in Betracht zu ziehen und ihn freizulassen. Wir gehen davon aus, dass die Anklagen gegen Dmitriev fallengelassen werden.“ Die wesentlichen Aussagen dieses Appells lässt der Leiter der EU-Vertretung in Russland Markus Ederer einige Tage später dem Generalstaatsanwalt der RF I. Krasnov in einem außerordentlichen Appell zukommen. Dessen Vertreter Grin erklärt in seiner Antwort, alle Maßnahmen der Gerichtsorgane gegenüber Dmitriev seien gerechtfertigt.

  1. April 2020

Jurij Dmitriev wird von der schwedischen Anna-Dahlbäck-Stiftung für Zivilcourage im Kampf für die Menschenrechte ausgezeichnet.

  1. April 2020

In der Haftanstalt von Petrozavodsk, in der sich Jurij Dmitriev befindet, werden zwei Covid-19-Erkrankungen diagnostiziert.

  1. Mai 2020

Offener Brief von russischen Wissenschaftlern, Lehrern und Kulturschaffenden mit dem Appell, die Untersuchungshaft für Dmitriev wegen der Pandemie aufzuheben.

  1. Mai 2020

Das Oberste Gericht Kareliens lehnt die Berufungsklage von Anwalt Anufriev gegen die Verlängerung der Untersuchungshaft für Dmitriev ab. Die Entscheidung des Stadtgerichts Petrozavodsk bleibt in Kraft.

  1. Mai 2020

Großbritannien äußert sich beim Ständigen Rat der OSZE zum Fall Dmitriev. Es ruft Russland auf, die internationalen Menschenrechtsabkommen und die Prinzipien des Rechtsstaats zu beachten.

  1. und 27. Mai 2020

Die EU stellt Erklärungen zum Fall Dmitriev auf dem Ständigen Rat der OSZE und auf der Sitzung des Ministerkomitees beim Europarat in Strasbourg vor.

  1. Juni 2020

Offener Brief von über 400 Wissenschaftlern aus Ländern der EU und den USA zur Verteidigung von Jurij Dmitriev, mit der Forderung nach Freiheit der Wissenschaft und einer Garantie gegen Verfolgungen seiner Person und von Wissenschaftlern und Organisationen, die die Geschichte des GULAG erforschen und sich mit dem Gedenken an die Opfer des Stalinschen Systems befassen.

  1. Juni 2020

Öffentlicher Appell der internationalen Literaturpreisträger Herta Müller, Svetlana Alexievich und Jonathan Littell an die Menschenrechtskommissarin des Europarats Dunja Mijatović mit der Bitte, sich für Jurij Dmitriev einzusetzen.

  1. Juni 2020

Wiederaufnahme der Gerichtsverhandlungen im Stadtgericht von Petrozavodsk. Die Untersuchungshaft wird bis zum 25. Juli 2020 verlängert.

6.-7. Juli 2020

Abschluss der Beweisaufnahme. Plädoyers. Die Anklagevertretung fordert für Dmitriev 15 Jahre Haft strengen Regimes. Die Verteidigung plädiert für Freispruch von den Anklagen der Pornographie, unsittlicher Handlungen, gewaltsamer sexueller Handlungen. Sie räumt allein die unbedachte Aufbewahrung von Teilen einer Schusswaffe ein.

  1. Juli 2020

Schlusswort Jurij Dmitrievs

  1. Juli 2020

Urteilsverkündung im Stadtgericht von Petrozavodsk

Jurij Dmitriev wird in folgenden Anklagepunkten für unschuldig erklärt (mit dem Recht auf Rehabilitierung):

  • 242.2 des StGB der RF, 242,2 Abs. 2 c (2)  ((Missbrauch von Minderjährigen mit dem Ziel der Erstellung pornographischer Aufnahmen und Gegenstände)
  • nach Art. 135 StGB der RF ((sexueller Missbrauch ohne Gewaltanwendung an einem Kind unter 16 Jahren) 
  • nach Art. 135 StGB, Abschn. 3 der RF ((sexueller Missbrauch ohne Gewaltanwendung an einem Kind unter 12 Jahren) 
  • nach Art. 222 StGB RF P. 1 (Illegale Aufbewahrung von Teilen einer Schusswaffe).

Schuldig befunden wurde Dmitriev nach Art. 132 (b) StGB RF (gewaltsame sexuelle Handlungen an einer Person unter 14 Jahren). Obwohl die nach diesem Artikel vorgesehene Mindeststrafe zwölf Jahre Haft in strengem Vollzug beträgt, verurteilte das Gericht ihn zu einer Haftstrafe von dreieinhalb Jahren und stützte sich dabei auf Art. 64 StGB („Verurteilung zu einer geringeren Strafe als vorgesehen, sofern außerordentliche Umstände vorliegen, die mit den Zielen und Motiven des Verbrechens, der Rolle des Schuldigen, seinem Verhalten während und nach dem Verbrechen und anderen Umständen zusammenhängen, die die öffentliche Gefahr durch das Verbrechen mindern (…)“).
Da die Untersuchungshaft angerechnet wird, verbleiben nach diesem Urteil etwas weniger als vier Monate Haft.

  1. Juli 2020

Die Staatsanwaltschaft legt Berufung beim Stadtgericht Petrozavodsk ein. Sie fordert die Aufhebung der Freisprüche nach den o. g. Artikeln und eine erneute Verhandlung sowie eine härtere Bestrafung (13 Jahre strengen Vollzugs) nach Artikel 132 b Abschn. 4.

Am selben Tag legt auch Jurij Dmitriev Revision ein, er fordert einen Freispruch in allen Punkten.

  1. August 2020

Der Vertreter der Nebenklägerin (Valentina Frolenkova – die Großmutter der Pflegetochter) legt ebenfalls Berufung ein, sie unterstützt den Antrag der Staatsanwaltschaft.

  1. August 2020

Viktor Anufriev, Jurij Dmitrievs, reicht die Berufungsklage mit der Forderung nach einem vollständigen Freispruch in allen Anklagepunkten und einer Rehabilitierung ein.

  1. September 2020

Gerichtsverhandlung vor dem Obersten Gericht Kareliens; die Verhandlung wird auf Antrag der Verteidigung vertagt, aber als neuen Termin bereits den 22. September festgelegt (Dmitrievs Anwalt hatte einen späteren Termin beantragt, um bei der Verhandlung anwesend sein zu können).

  1. September 2020

Die Verhandlung findet in Abwesenheit von Dmitrievs Anwalt Anufriev statt. Dmitriev wird ein Pflichtverteidiger zugewiesen, der nur drei Tage Zeit hat, um sich in das VErfahren einzuarbeiten. Dmitriev lehnt diesen Verteidiger ab. Er selbst wird der Verhandlung zugeschaltet, der er aus technischen Gründen - wegen der schlechten Qualität der Verbindung - nur sehr eingeschränkt folgen kann, was vom Gericht nicht berücksichtigt wird.
Das Gericht gibt ein erneutes Gutachten über die Dmitriev zur Last gelegten Fotos in Auftrag.

  1. September 2020

Letzter Verhandlungstag vor dem Obersten Karelischen Gericht. Dmitriev wird nach wie vor von seinem Pflichtverteidiger vertreten, zu dem er keinerlei Kontakt hatte. Das Gericht folgt dem Antrag der Staatsanwaltschaft und verurteilt Dmitriev zu 13 Jahren Haft in strengem Vollzug (unter Anrechnung der Untersuchungshaft). Die Anklagepunkte, in denen er freigesprochen worden war, werden zur Neuverhandlung ans Stadtgericht von Petrozavodsk in anderer Zusammensetzung zurück verwiesen.
Das Urteil kann beim Dritten Kassationsgericht in St. Petersburg angefochten werden.

 

 

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